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BUCHTIPP Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde
15.11.2015 / News

Lesenswert: Ulrich Raulffs Buch „Das letzte Jahrhundert der Pferde" ist im Verlag C.H. Beck erschienen.
Lesenswert: Ulrich Raulffs Buch „Das letzte Jahrhundert der Pferde" ist im Verlag C.H. Beck erschienen. /

Ohne das Pferd wäre die Geschichte anders verlaufen – und das in nahezu allen Bereichen der menschlichen Existenz: Der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff erzählt auf packende Weise vom Ende des ,kentaurischen Pakts'.

 

Es ist seit einigen Wochen auf dem Markt und in vielerlei Medien durchwegs mit Wohlwollen rezensiert worden. Doch es mutet seltsam an, daß kaum ein sogenanntes ,Pferdemedium' darunter war, was sehr schade ist. Denn Ulrich Raulffs „Das letzte Jahrhundert der Pferde" ist nicht nur ein sehr lesenwertes, sondern auch wichtiges Buch, das dem Pferd endlich seinen gebührenden Platz in der Menschheitsgeschichte zuweist und ihm ein längst überfälliges, wortgewaltiges und kenntnisreiches Denkmal setzt.

Zugegeben: Raulff macht es seinen Lesern dabei nicht ganz leicht, denn das Buch stellt hinsichtlich seiner Form und seines Duktus durchaus einige Ansprüche. Doch die Mühe lohnt und eröffnet den Blick auf ein verborgenes Universum, das der Kulturwissenschaftler und Direktor des Literaturarchivs Marbach in seinem Werk freilegt. Raulff möchte den Beitrag würdigen, „den das Pferd als gedungener und gezwungener Geburtshelfer der Moderne zu erbringen hatte, ein historisches Werk enormer und bis heute kaum beachteter Größe, ein versunkener Kontinent, der auch nach allem, was die Geschichtsschreibung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren geleistet hat, noch immer seiner Entdeckung harrt". Auf mehr als 400 Seiten nimmt Raulff den Leser mit auf eine Reise, pardon: einen Parforce-Ritt durch eine sechs Jahrtausende umfassende Zeitspanne, in der sich die Schicksale von Mensch und Pferd verwoben haben und die Raulff mit der einprägsamen Metapher des „kentaurischen Pakts" beschreibt.

Vor etwa 6.000 Jahren begannen Menschen in der westlichen eurasischen Steppe – etwa im Gebiet des heutigen Kasachstan und der Ukraine – Pferde zu domestizieren und für ihre Zwecke einzusetzen. Es war die folgenreichste Begegnung der Menschheitsgeschichte – und Raulff ist natürlich nicht der Erste, der dies erkannt hat. Er ist aber vermutlich der Erste, der den vielgestaltigen Folgen dieser Begegnung in all ihren Facetten und Verästelungen nachspürt und aus den Tausenden von Fäden ein kunstvolles und tragfähiges Seil zu knüpfen imstande ist. Tatsächlich wurde kaum ein Bereich der menschlichen Existenz nicht nachhaltig und dauerhaft durch den „kentaurischen Pakt" verändert – von der Kriegsführung bis zur gesamten Ökonomie, von der Landwirtschaft bis zum Transportwesen, vom Bergbau bis zur Urbanisierung: Überall hat der Mensch sich die Kraft und Geschwindigkeit des Pferdes zunutze gemacht und damit die Eroberung der Welt vorangetrieben.

Wie Goldstaub sammelt Raulff die Spuren und Partikel der gemeinsamen Geschichte auf und komprimiert sie in kostbare, kleine Essays rund um vier Themenkreise: Energie, Wissen, Pathos und Historien. Und jedes von ihnen bietet eine nahezu unüberschaubare Fülle an Belegen für die schicksalhafte Bedeutung des Pferdes in der Menschheitsgeschichte. Über Jahrtausende hinweg war das Pferd der wichtigste ,Energielieferant' des Menschen, und es ist gewiss kein Zufall, daß sich der Begriff ,Pferdestärke' bis heute als physikalische Einheit für die Messung von Kraft behauptet hat, obwohl nahezu alle Länder sie offiziell durch Kilowatt ersetzt haben. Und das hat seine Gründe: Eine Pferdestärke entspricht der Kraft, die es benötigt, ein Gewicht von 75 kg in einer Sekunde einen Meter hoch zu heben, und dies entspricht etwa der Leistung von sieben Menschen – eine Metapher von unübertrefflicher Einprägsamkeit. Ulrich Raulff schreibt: „Ihre Vertrautheit, ihre Anschaulichkeit, aber auch die Zahlenmagie in der Relation der beiden Spezies haben sie lebendig erhalten: Ein Pferd gleich sieben Menschen."

Raulffs Buch quillt förmlich über von solchen Details: So erfahren wir, wie die Erfindung eines so unscheinbaren Gegenstandes wie des Steigbügels die gesamte Kriegsführung revolutionierte, daß im Großbritannien des 19. Jahrhundert ein Pferd auf 10 Einwohner kam und daß in London gegen Ende des 19. Jahrhunderts 300.000 Pferde lebten. Raulff legt dar, daß nicht die Industrialisierung oder die Erfindung der Dampfmaschine das Ende des Pferdezeitalters eingeläutet hat: Die Maschinen waren zu groß und schwerfällig, um mit den flinken, flexiblen Tieren mithalten zu können – einzige Ausnahme war die Eisenbahn. Doch auch hier mussten Waren und Personen mittels Pferden zum Bahnhof und von dort wieder in die Tiefe des Landes gebracht werden, sie blieben also unverzichtbar. Gleiches gilt für die Landwirtschaft: Die ersten großen Mähdrescher mussten noch von 20 bis 40 Pferden (!) gezogen werden – erst die Entwicklung und massenhafte Produktion der kleinen und leichten Verbrennungsmotoren von Otto und Diesel vermochte den ,Hafermotor' zu ersetzen, dies freilich in atemberaubendem Tempo.

Raulff zeichnet aber auch die kulturellen und kulturhistorischen Aspekte des Pferdezeitalters nach – und folgt seinen Spuren in der bildenden Kunst und in der Literatur. Wie kaum ein anderes Tier hat das Pferd Künstler, Bildhauer, Maler und Philosophen inspiriert und beflügelt – von seinen mythischen Ursprüngen im Griechenland der klassischen Antike bis zu den Realisten im 19. Jahrhundert. Pferde haben sich in unser kollektives Gedächtnis als ,Bedeutungsträger' eingebrannt, auch und gerade im 19. Jahrhundert, wie Raulff festhält: Kaum eine der Ideen, die das Jahrhundert bewegte, wurde nicht mit dem Pferd verbunden, beginnend mit der Obesession von historischer Größe, den Ideen von Freiheit, Fortschritt und Heldentum bis zu den Figuren der Angst und des Mitleids. Raulff: „Es schien, als könnten und müssten die Pferde alles tragen, allen Jubel und Jammer der Menschheit, all ihre Hoffnungen und ihre Befürchtungen, all ihre Gefühle. Vermutlich ist nach dem Menschen selbst das Pferd das am stärksten beschriebene und immer neu überschriebene Wesen, das resemantisierte Wesen par excellence."

Doch Raulff verhehlt nicht, daß die Schicksalsgemeinschaft zwischen Mensch und Pferd eine einseitige war – und stets zu Lasten des Pferdes ausgelegt wurde. Die Pferde zahlten einen hohen Preis für ihren Eintritt in den ,kentaurischen Pakt'. Im Ersten Weltkrieg wurden rund 16 Millionen Pferde eingesetzt – acht Millionen kamen ums Leben. Selbst im hochgradig mechanisierten und industrialisierten Zweiten Weltkrieg starben noch zwei Millionen Pferde, die meisten an der Ostfront, wo sie als Zugtiere herhalten mussten. Im 19. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Lebensdauer von Trampferden in den Städten nur vier Jahren, ehe sie verschlissen waren und geschlachtet werden mussten. In London wurden um 1900 jährlich 26.000 Pferde in den Abdeckereien der Stadt zu Katzenfutter und Dünger verarbeitet. Auch das ist die Wahrheit über den ,kentaurischen Pakt': „Das Leben der einen Spezies ist der Tod der anderen".

Insofern ist die sanfte Melancholie, die dieses Buch scheinbar durchzieht, am Ende zu relativieren: Erst durch das Ende des Pferdzeitalters – das sich ab der Mitte des 20. Jahrhunderts mit einem Schock und dem millionenfachen Tod der nutzlos gewordenen Pferde vollzog – hat sich die Situation des einzelnen Pferdes gebessert: Es wird heute von immer mehr Pferdefreunden um seiner selbst willen geliebt, gehegt und gepflegt – und wohl erstmals in der Jahrtausende alten gemeinsamen Geschichte artgerecht und seiner Natur entsprechend gehalten. Das Pferd schreibt heute keine Geschichte mehr – aber es schreibt individuelle Geschichten von Menschen und Pferden, die sich zusammengehörig fühlen und sich, soweit dies möglich ist, auf Augenhöhe begegnen. Der ,kentaurische Pakt' wurde beendet, und das ist in Wahrheit eine gute Nachricht für die Pferde.

Leopold Pingitzer

Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung. C. H. Beck Verlag, München 2015. ISBN-13: 978-3406682445, 461 Seiten, 25,95 €.

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