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Vergiftungs-Gefahr: Darum ist Goldhafer für Pferde gefährlich
27.11.2022 / News

Pferde reagieren auf Goldhafer zwar weniger empfindlich als etwa Rinder – doch ist die Goldhafer-Aufnahme zu groß, können auch bei ihnen Krankheitssymptome auftreten.
Pferde reagieren auf Goldhafer zwar weniger empfindlich als etwa Rinder – doch ist die Goldhafer-Aufnahme zu groß, können auch bei ihnen Krankheitssymptome auftreten. / Symbolfoto: Archiv/Pixabay
Goldhafer ist ein weit verbreitetes Süßgras und in kühlen, rauen und niederschlagsreichen Lagen (sog. Berg-Mähwiesen) anzutreffen. Auch in getrockner (Heu) oder silierter Form (Silage) bleiben die Giftstoffe erhalten.
Goldhafer ist ein weit verbreitetes Süßgras und in kühlen, rauen und niederschlagsreichen Lagen (sog. Berg-Mähwiesen) anzutreffen. Auch in getrockner (Heu) oder silierter Form (Silage) bleiben die Giftstoffe erhalten. / Symbolfoto: Wikimedia Commons/Stefan-lefnaer

Der ungewöhnliche Fall einer ,enzootischen Kalzinose', die zum Tod eines Pferdes geführt hat, sorgt derzeit in Pferdekreisen für einige Aufregung. Die Erkrankung führt zu einer Verkalkung vieler Gewebe und Organe und besonders der Blutgefäße – sie ist bei Pferden selten, sollte aber dennoch nicht unterschätzt werden.


Auf den ungewöhnlichen Fall einer enzootischen Kalzinose hat vor kurzem Sabine Ellinger, bekannte Ausbildnerin und Betreiberin eines Reha-Zentrums für Sport- und Freizeitpferde nordöstlich von Stuttgart, in einem Facebook-Posting aufmerksam gemacht. Das betroffene Pferd war im Oktober zum Muskelaufbau in ihr Zentrum gekommen, war aber zu diesem Zeitpunkt bereits stark abgemagert und geschwächt, zeigte deutliche Lahmheit, einen steifen Gang und kreuzverschlagartige Symptome sowie schlechte Nierenwerte. Nach eingehenden Blut-, Urin- und Kotproben konnte die Diagnose ,enzootische Kalzinose’ gestellt werden – eine schwerwiegende Erkrankung, die bei Pferden zu einer Verkalkung der inneren Organe und insbesondere der Blutgefäße führt. Leider konnte – so Sabine Ellinger – das Pferd letztlich nicht gerettet werden, da es für die Erkrankung nach wie vor keine effektive Behandlung gibt, die Stute musste eingeschläfert werden.

Bei der enzootischen Kalzinose handelt es sich um eine Erkrankung, die bei Pferden zwar nur sehr selten diagnostiziert und beschrieben wird (meist erst, nachdem eine Sektion durchgeführt wurde) – die aber vermutlich häufiger vorkommt und bei einem erheblichen der Fälle schlicht nicht erkannt wird. Ihr Auslöser – der Wiesen-Goldhafer (Trisetum flavescens) – kommt in weiten Teilen Europas vor, vor allem im Berg- und Hügelland sowie in alpinen Regionen. Was den Goldhafer für Pflanzenfresser so gefährlich macht, ist sein hoher Gehalt an Vitamin D3 sowie dem Glykosid 1,25-Dihydroxycholecalciferol.

Unter der Einwirkung dieser Vitamin D-ähnlichen Substanzen kommt es, wie die AutorInnen Dr. Sonja Wlaschitz, Dr. Klaus Riedelberger und Dr. Andrea Gruber in einer Studie der Vetmed-Uni Wien aus dem Jahr 2006 schreiben, nach längerer Aufnahme zu einer massiven Erhöhung des Kalziumspiegels im Blut und letztlich zu einer zunehmenden Verkalkung zahlreicher Organe und Gewebe, insbesondere aber der Blutgefäße. Vereinfacht gesagt: Der Organismus verkalkt – mit schwerwiegenden Folgen. Die betroffenen Tiere zeigen in der Folge einen steifen Gang und ein mattes Allgemeinverhalten, sie liegen viel und stehen erschwert auf, oftmals begleitet von schmerzhaftem Stöhnen. Sie magern trotz guter Futteraufnahme immer mehr ab und weisen eine erhöhte Puls- und Atemfrequenz auf, auch deutliche Atemgeräusche sind häufig zu beobachten. Bei einer ausgedehnten Kalkeinlagerung im Bereich der Niere können gelegentlich vermehrtes Harnlassen (Polyurie) und ein stark gesteigertes Durstempfinden mit vermehrter Flüssigkeitsaufnahme (Polydipsie) auftreten.

Die Krankheit tritt häufig als Herdenproblematik auf, wobei die klinischen Symptome in ihrem Schweregrad sehr stark variieren können, so die AutorInnen weiter. Jüngere Tiere scheinen generell resistenter zu sein – die wissenschaftlich beschriebenen Fälle betreffen meist Tiere mittleren Alters. Auch der Mangel an Selen könnte eine begünstigende Rolle für das Auftreten der Erkrankung spielen – die drei in der Wiener Studie beschriebenen Krankheitsfälle traten allesamt in Selen-Mangelgebieten auf, bei einem Pferd lag der ermittelte Selen-Wert drastisch unter dem Referenzbereich.

Die Entstehung klinischer Symptome ist von der Dauer der Aufnahme, von dem betroffenen Gewebe und von der aufgenommenen Dosis abhängig, so die Studien-AutorInnen weiter: „Die Dosis variiert von Weide zu Weide, je nach Bewuchs und Nutzungshäufigkeit sowie in Abhängigkeit vom Wachstumsstadium. So enthalten Schossen 15.000-27.000 IE (internationale Einheiten)/kg Trockenmasse (TM), Rispenschieber etwa 5.300 IE/kg TM und Pflanzen im Blütestadium 2.900 IE/kg TM an Vitamin D-Metaboliten. Die Toxizität wird durch Trocknung oder Silierung nicht beeinflusst, so dass auch die Aufnahme von goldhaferhaltigem Heu, Silage oder Wiesencob-Presslingen zu Vergiftungen führen kann."

Und weiter: „Wiederkäuer (insbesondere Rinder), Hasen und Meerschweinchen scheinen auf geringe Mengen kalzinogener Inhaltsstoffe empfindlicher zu reagieren als Pferde. (...) Erste Symptome sind bei Rindern nach Aufnahme einer Ration mit 10-%igem Goldhaferanteil nach etwa 5 Monaten zu erwarten, bei 50-%igem Goldhaferanteil bereits nach einem Monat. Für das Pferd liegen keine genauen Angaben zur Toxizität vor."

Eine spezifische Therapie der Erkrankung gebe es bislang nicht, so die AutorInnen: „Die Behandlung erfolgt im wesentlichen symptomatisch durch die längerfristige Verabreichung nichtsteroidaler Antiphlogistika. Empfohlen wird auch der Einsatz von Glukokortikoiden, da diese die enterale Kalziumresorption reduzieren. Zur Senkung des Kalziumspiegels können Dauertropfinfusionen und Diuretika versucht werden."

Die wichtigste therapeutische Maßnahme bestehe „in der Vermeidung jeder weiteren Aufnahme
goldhaferhaltiger Nahrung", so die Empfehlung der ForscherInnen. Wenn dies gewährleistet ist, können sich die Tiere klinisch zumindest teilweise wieder erholen, wie es auch in den ersten beiden Fällen ihrer Studie beobachtet werden konnte.

Ihr Resümee: „Aufgrund der mangelnden therapeutischen Möglichkeiten kommt der Prophylaxe eine sehr große Bedeutung zu. Diese besteht vor allem aus einer sowohl mengen- als auch zeitdauermäßigen Reduktion der Goldhaferaufnahme. Flächen, die stark goldhaferbewachsen sind, sollten bevorzugt zur Heuproduktion (ältere Pflanzen sind ärmer an toxischen Inhaltsstoffen) verwendet und häufig gemäht werden, um den Bewuchs zurückzudrängen. Bei einer vorgesehenen Nutzung zur Weidehaltung empfehlen sich Umbruch und Neuansaat des Bodens."

Eine Heuanalyse des Raufutters aus dem Herkunftsgebiet jener drei Tiere, die in ihrer Studie untersucht wurden, wies einen Goldhafergehalt von über 50 % auf. Dazu die ForscherInnen: „Die Problematik ist in dieser Gegend seit vielen Jahren bekannt, wurde aber immer nur auf die Rinderhaltung bezogen. Wie die Fallberichte zeigen, sollten Goldhafer-Intoxikationen auch beim Pferd im Falle unklarer orthopädischer Probleme differentialdiagnostisch in Betracht gezogen werden. Die Weidehaltung von Pferden auf goldhaferbewachsenen Flächen sollte vermieden werden."

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