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Zungenbänder bei Rennpferden verbessern die Atemfunktion nicht, im Gegenteil
17.08.2022 / News

Hier ein Rennpferd beim Training mit Zungenband – deutlich zu sehen ist, wie das Zungenband die Durchblutung der Zunge, die bereits blau angelaufen ist, blockiert.
Hier ein Rennpferd beim Training mit Zungenband – deutlich zu sehen ist, wie das Zungenband die Durchblutung der Zunge, die bereits blau angelaufen ist, blockiert. / Symbolfoto: Youtube/McGreevy

Zungenbänder erweitern die oberen Atemwege von Rennpferden nicht, so deutsche WissenschaftlerInnen – ganz im Gegenteil: Bei bis zu 93 % der Pferde, die in einer aktuellen Studie untersucht wurden, führten die Zungenbänder sogar zu einer Verringerung des Rachendurchmessers.

 

Zungenbänder bei Rennpferden zählen – ähnlich wie Nasenriemen bei Dressurpferden – zu den umstrittensten und von Tierschützern am heftigsten bekämpften Teilen der Ausrüstung. Sie sollen – kurz gesagt – bei Pferden im Trab- und Galopprennsport verhindern, dass die Zunge über das Gebiss genommen wird. Pferde, die die Zunge über die Trense legen, würden somit der Einwirkung des Gebisses ausweichen und seien dann nicht mehr so gut zu kontrollieren. Zudem ist nach wie vor zu hören, dass Rennpferde ohne Zungenband die Zunge nach hinten ziehen und sie gleichsam „verschlucken“ würden, es käme so zu einer Einengung der oberen Atemwege, was durch Zungenbänder verhindert würde, heißt es.

Die WissenschaflterInnen Ann Kristin Barton und ihre Kollegen von der Freien Universität Berlin wollten herausfinden, ob dieses Argument in wissenschaftlicher Hinsicht haltbar ist – ob also Zungenbänder durch Fixierung der Zunge den Rachendurchmesser tatsächlich erhöhen und somit die Funktion der oberen Atemwege verbessern könnten.

Die Studie der deutschen ForscherInnen umfasste 22 Vollblut- und acht Warmblut-Rennpferde mit einem Durchschnittsalter von 3,7 Jahren. Alle hatten eine Vorgeschichte von schlechter Belastungstoleranz, und drei hatten auch eine Vorgeschichte von abnormen Atemgeräuschen. Die Pferde wurden mit einem speziellen Video-Endoskop – einem sogenannten ,Overground-Endoskop’ ausgestattet, das es dem Studienteam ermöglichte, die oberen Atemwege der Tiere unter intensiver Belastung während des Trainings zu überwachen.

Die oberen Atemwege wurden bei jedem Pferd sowohl mit als auch ohne Zungenband überwacht. Das Studienteam stellte dabei sicher, dass die Pferde in jeder Phase mit gleicher Intensität trainierten, indem Herzfrequenz, Geschwindigkeit und Blutlaktat gemessen wurden. Alle waren mit ihrer üblichen Trainingsausrüstung bzw. -zäumung ausgestattet.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Die AutorInnen stellten fest, dass der Rachendurchmesser – in der Studie als Rachen-Kehlkopf-Verhältnis definiert – bei allen Pferden zwischen Ruhe und intensiver Belastung signifikant zunahm. Die Analyse ergab, dass dieser Effekt mit der Verwendung eines Zungenbandes signifikant abnahm. Sie fanden weiters heraus, dass Zungenbänder die maximale Kehlkopfbreite und -fläche nicht signifikant beeinflussten. Eine Dorsalverlagerung des weichen Gaumens wurde bei vier der 30 Untersuchungen mit Zungenband und bei einer der 30 Untersuchungen ohne Zungenband festgestellt. (Interessanterweise hatten Pferde mit einer Dorsalverlagerung des weichen Gaumens unter Belastung größere Rachendurchmesser als Pferde ohne das Problem, obwohl kein formaler statistischer Vergleich durchgeführt wurde.)

Das Resümee der WissenschaftlerInnen: Die gewonnen Daten zeigen, dass die Verwendung von Zungenbändern nicht zu einer Verbesserung der Funktion der oberen Atemwege führt – sondern genau das Gegenteil bewirken: Anstatt den Rachen zu erweitern, führten Zungenbänder bei bis zu 93 % der Pferde zu einer Verringerung des Rachendurchmessers. „Obwohl andere Autoren beschrieben haben, dass das Herunterdrücken der Zunge für die Stabilität und Erweiterung des Nasenrachenraums unerlässlich ist, stützen unsere Ergebnisse diese Theorie nicht“, so die AutorInnen.

Die Ergebnisse der Studie – die von der Deutschen Gesellschaft für Pferdemedizin gefördert wurde – sind eine eindrückliche Bestätigung jener Annahmen, wonach die Verwendung von Zungenbändern keinesfalls zu einer verbesserten Belüftung der Pferdelungen führt.

Die Studie „Tongue ties do not widen the upper airways in racehorses“ von Ann Kristin Barton, Anne Troppenz, Dana Klaus, Inga Lindenberg, Roswitha Merle und Heidrun Gehlen ist am 9. August 2022 in der Zeitschrift ,BEVA Equine Veterinary Journal’ erschienen und kann in englischer Originalfassung hier nachgelesen werden.


Hintergrund
Im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist lt. Erlass des Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz vom Juni 2018 der Einsatz von Zungenbändern im Pferdesport aus Tierschutzgründen verboten. Das zuständige Landesamt hat dazu eine Stellungnahme von bemerkenswerter Klarheit veröffentlicht, die hier in der gebührenden Ausführlichkeit zitiert werden soll:

Mit einem sogenannten „Zungenband“ wird die Zunge von Pferden während des Trainings oder des Rennens mit einem Band an den Unterkiefer angebunden. Es soll bei Pferden im Trab- und Galopprennsport verhindern, dass die Zunge über das Gebiss genommen wird. Pferde, die die Zunge über die Trense legen, würden somit der Einwirkung des Gebisses ausweichen und seien dann nicht mehr so gut zu kontrollieren. Zudem finden sich Behauptungen, die Rennpferde würden ohne Zungenband die Zunge nach hinten ziehen, sie „verschlucken“ und daran „ersticken“. Bei Pferden kann es durch hohe Belastung zu einer krankhaften Verlagerung des Gaumensegels (dorsal displacement of soft palate - DDSP) kommen. Schmerzen im Maul, etwa durch eine „harte Hand“, begünstigen diese Veränderung des Gaumensegels zusätzlich. Hierbei zeigen sich bei ansonsten gesunden Rennpferden während der Arbeit schwere Atembeschwerden sowie ein deutlicher Leistungsabfall bis hin zum Zusammenbruch.
Beim Anlegen des Zungenbandes kann es zu starken Abwehrbewegungen der Pferde kommen, welche zu Verletzungen an der Zunge und im Maulbereich führen können. Unterbrechungen der Durchblutung der Zungenspitze und Einschnürungen der Zunge können zudem zu starken Schmerzen, Leiden und Schäden der Pferde führen. Auch im Kommentar zum Tierschutzgesetz von Hirt, Maisack und Moritz wird in Randnummer 13 zu § 3  Nr. 1b. beschrieben, dass Einrichtungen, die das Hochziehen der Zunge verhindern sollen, bei Pferden erhebliche Schmerzen bzw. Leiden zufügen können.
Der Beweis einer verbesserten Belüftung der Pferdelungen durch das Tragen von Zungenbändern konnte dagegen weder bei gesunden Pferden noch bei Tieren mit der oben beschriebenen krankhaften Veränderung des Gaumens erbracht werden (Franklin SH et al., Equine Vet J Suppl. 2002; Cornelisse CJ et al. Am J Vet Res. 2001).
Deshalb ist für die Einschränkung der physiologischen Zungenbewegung durch ein Zungenband kein vernünftiger Grund nach § 1 des Tierschutzgesetzes gegeben. Dieser Paragraph besagt, dass niemand einem Tier ohne einen vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Der Einsatz von Zungenbändern stellt zudem einen Verstoß gegen § 3 Nr. 1b. des Tierschutzgesetzes  dar. Dieser Passus besagt, dass es verboten ist, an einem Tier im Training oder bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Maßnahmen anzuwenden, die mit erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind.

Soweit das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV). Im Lichte der aktuellen Studie – welche diese Position wissenschaftlich untermauert – sollten sich eigentlich weitere Bundesländer (und Länder!) dieser Haltung anschließen …

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