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Unaufmerksamkeit bei Pferden kann auf Rückenschmerzen hinweisen
26.06.2016 / News

Aufmerksames bzw. beobachtendes Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, daß die Pferde mit horizontalem oder leicht angehobenem Genick bewegungslos verharren, dabei Augen und Ohren beweglich sind und die Umgebung gleichsam absuchen, indem sie ihren Kopf zur Seite drehen oder einen kurzen Moment gezielt einen äußeren Reiz fixieren.
Aufmerksames bzw. beobachtendes Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, daß die Pferde mit horizontalem oder leicht angehobenem Genick bewegungslos verharren, dabei Augen und Ohren beweglich sind und die Umgebung gleichsam absuchen, indem sie ihren Kopf zur Seite drehen oder einen kurzen Moment gezielt einen äußeren Reiz fixieren. / Foto: Scientific Reports

Wenn Pferde ihrer Umwelt gegenüber ständig unaufmerksam bzw. unkonzentriert sind, kann dies lt. einer französischen Studie mit Rückenproblemen bzw. Rückenschmerzen zusammenhängen.

 

Die französischen Forscher konnten im Rahmen ihrer Untersuchung „Lower attention to daily environment: a novel cue for detecting chronic horses' back pain?" („Verringerte Aufmerksamkeit seiner alltäglichen Umwelt gegenüber – ein neuer Schlüssel, um chronische Rückenschmerzen bei Pferden nachzuweisen?") zwei wesentliche Beobachtungen machen: 1) Der Anteil von Pferden mit Rückenproblemen ist erschreckend hoch (zwischen 61 und 85 % in den untersuchten Reitställen) – und 2) Es gibt einen Zusammenhang zwischen einem Mangel an Aufmerksamkeit und dem Schweregrad von Rückenschmerzen: „Der Grad der Aufmerksamkeit kann ein zuverlässiger Indikator für chronische Schmerzen und daher auch ein nützliches Instrument sein, um leidende Individuen zu identifizieren", so die Studien-Autorin Céline Rochais. Für die Wissenschaftler kommt diese Beobachtung nicht überraschend, denn im Humanbereich treten Aufmerksamkeits-Mangel und andere kognitive Beeinträchtigungen häufig bei Patienten mit Rückenschmerzen, Weichteilrheuma, Arthritis, Migräne und Muskel-Skelett-Erkrankungen auf.

„Schmerz ist ein sensorischer Prozess, der von Natur aus Aufmerksamkeit auf sich zieht – die Abwendung von Aufmerksamkeit ist daher eine Strategie, die Wahrnehmung akuter Schmerzen herabzusetzen", so die Forscher. Studien mit Tieren sind in diesem Bereich nur spärlich vorhanden und stellen häufig Fakoren wie physische Aktivität und Appetit in den Focus, die beide infolge von Schmerzen herabgesetzt sein können.

Die französischen Forscher gingen einen anderen Weg: Sie wollten die Intensität und das Niveau an Aufmerksamkeit beurteilen, das Hauspferde ihrer natürlichen Umgebung entgegenbringen, und es mit möglichen Wirbelsäulen-Schäden und den durch sie verursachten chronischen Schmerzen vergleichen.

Das Forschungsprojekt umfasste insgesamt zwei Untersuchungen – an der ersten waren insgesamt 59 Reitpferde aus drei verschiedenen Ställen beteiligt, an der zweiten 44 Pferde aus fünf unterschiedlichen Betrieben. Bei der ersten Studie wurde die Wirbelsäule der Pferde von einem spezialisierten Heilpraktiker/Physiotherapeuten untersucht – in der zweiten Studie erfolgte die Untersuchung mittels Oberflächen-Elektromyografie (EMG), einem diagnostischen Verfahren, bei dem die elektrische Muskelaktivität gemessen wird und mit dem sich auch Rückenschmerzen verlässlich nachweisen lassen.

Insgesamt 90 Moment-Aufnahmen jedes Pferdes wurden von einem erfahrenen Beobachter über drei Sitzungen hinweg in Ruhephasen in ihren Ställen aufgezeichnet. Der Beobacher achtete dabei auf Anzeichen von Aufmerksamkeit oder von beobachtendem Verhalten  an der Stalltür – etwa wenn sie mit horizontalem oder leicht angehobenem Genick verharren, wobei Augen und Ohren beweglich waren und die Umgebung gleichsam absuchten, indem sie ihren Kopf zur Seite drehten oder einen kurzen Moment gezielt einen äußeren Reiz fixiert haben.

In der ersten Studie konnte nur bei 15 % der Pferde keinerlei Anzeichen eines Rückenproblems festgestellt werden. Bei manchen Pferden waren bis zu 88 % der untersuchten Wirbelsäulen-Punkte von Problemen betroffen. Bei der Auswertung sämtlicher Daten und Beobachtungs-Ergebnisse zeigte sich, daß die Pferde umso aufmerksamer ihrer Umgebung gegenüber waren, je weniger sie von Rückenproblemen geplagt wurden. „Mit anderen Worten: Je gesünder die Pferde waren, umso aufmerksamer beobachteten sie ihre gesamte Umwelt", so das Resümee der Forscher. Pferde, die von Rückenproblemen nicht oder nur leicht (an nur einer Stelle der Wirbelsäule) betroffen waren, beobachteten ihre Umgebung deutlich mehr und intensiver als Pferde, die ernsthafte Rückenprobleme aufwiesen (also an zwei oder mehr Stellen der Wirbelsäule).

In der zweiten Studie zeigten Auswertungen der Oberflächen-EMG, daß 61 % der Pferde an einem oder mehr Wirbelsäulen-Punkten eine deutlich erhöhte Muskelaktivität aufwiesen (was auf Rückenprobleme bzw. Rückenschmerzen hindeutet). Insgesamt gab es in den Untersuchungsergebnissen beider Studien einen hohen Grad an Übereinstimmung.

„Die Korrelation zwischen den Untersuchungs-Befunden und den Verhaltens-Beobachtungen war bei Problemen im Bereich der Halswirbelsäule deutlicher ausgeprägt, was darauf hindeutet, daß Nackenprobleme sich stärker auf das Aufmerksamkeits-Verhalten auswirken", so die Wissenschaftler weiter. Bemerkenswert war, daß in der ersten Studie Rückenprobleme bei einem größeren Teil der Pferde diagnostiziert wurden – dies könnte auf Unterschiede in der Haltung bzw. im Management der Pferde zurückzuführen sein. Die Daten aus beiden Studien bestätigen dennoch einen deutlich negativen Zusammenhang zwischen der Zeit, die Pferde mit der Beobachtung ihrer Umwelt verbringen und der Anzahl problembehafteter Wirbelsäulen-Punkte. Selbst, wenn man nur die Halswirbelsäule betrachtet, zeigt sich diese Verbindung", so die Forscher.

Auch die Tatsache, daß zwei unterschiedlichen Mess- bzw. Beurteilungs-Techniken zu den gleichen Ergebnissen geführt haben, ist ein starker Hinweis für die Korrektheit dieses Befunds – und das, obwohl in ihrer Studie nicht die chronischen Schmerzen an sich gemessen wurden: „Obwohl chronische Rückenschmerzen bei Tieren schwer festzustellen sind – außer, sie sind so stark, daß sie bereits eine Unbeweglichkeit oder Lahmheit verursacht haben – sind sich alle Spezialisten einig, daß eine erhöhte Spannung an der Wirbelsäule chronische Schmerzen widerspiegelt." Zudem ist bekannt, daß sich chronische Rückenschmerzen auch durch erhöhte Aggressivität gegenüber dem Menschen äußern kann.

Für die Forscher könnte ihre Studie Ausgangspunkt für weitere nutzbringende Forschungsprojekte sein: „Unsere Ergebnisse sind für die Beurteilung des Pferdewohls von großem Interesse und weisen darauf hin, daß dieser Zugang auch für andere Haus- oder Nutztiere weiterentwickelt werden sollte. Falls der Grad der Aufmerksamkeit (oder von sensorischer Unaufmerksamkeit) sich als zuverlässiger Indikator für chronische Schmerzen oder Unbehagen für eine Vielzahl von Spezies herausstellt, wäre dies ein nützliches Instrument, um auf rasche, kostengünstige Weise Tiere mit Schmerzen zu identifizieren und einer entsprechenden Behandlung bzw. Pflege zuzuführen."

Die Wissenschaftler wiesen zudem darauf hin, daß Pferde mit Depressionen bzw. depressions-ähnlichen Zuständen sowie kraftlose, apathische Pferde dazu tendieren, sich von ihrer Umgebung abzukoppeln und in einer Art  ,verarmten', reduzierten Umwelt leben, wie man es auch bei menschlichen Patienten beobachten kann, die an chronischen Schmerzen leiden. „Chronische Schmerzen haben – weil man ihnen nicht entkommen kann – beim Menschen häufig eine Depression zur Folge. Tierische Modelle könnten dabei helfen, diesen Entwicklungsprozess zu enträtseln. Die Entdeckung, daß der Bereich der Halswirbelsäule in besonderer Weise zu kognitiven Beeinträchtigungen beiträgt, die im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen bei Mensch und Pferd stehen, vertieft diese Parallele weiter."

Die Studie „Lower attention to daily environment: a novel cue for detecting chronic horses' back pain?" von Céline Rochais, Carole Fureix, Clémence Lesimple und Martine Hausberger ist im Journal ,Scientific Reports' im Jänner 2016 erschienen und kann in englischer Originalfassung hier nachgelesen werden.

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