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Pferde helfen bei der Therapie von Suchtkranken
28.06.2016 / News

Pferde können Patienten in einer Suchttherapie emotional stärken und motivieren, so eine skandinavische Studie.
Pferde können Patienten in einer Suchttherapie emotional stärken und motivieren, so eine skandinavische Studie. / Symbolfoto: Irene Gams

Skandinavische Forscher konnten im Rahmen einer Studie zeigen, wie wertvoll pferdegestützte Therapie bei der Behandlung von Sucht- bzw. Drogenkranken sein kann.


Um den Wert bzw. den Nutzen von pferdegestützter Therapie bei der Behandlung von Suchtkranken zu untersuchen, wählten die skandinavischen Forscher einen ungewöhnlichen Ansatz: Sie sprachen mit den Betroffenen selbst und führten Tiefen-Interviews mit insgesamt acht Sucht-Patienten durch – vier Frauen und vier Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, das Durchschnittsalter lag bei 25 Jahren. Leitfaden für die Interviews war ein ausführlicher psychologischer Fragebogen, dessen Schwerpunkt auf der pferde-gestützten Therapie im Rahmen ihrer Sucht-Behandlung lag. Ziel war es, die persönlichen Erfahrungen der Patienten über ihre Beziehung zu den Therapiepferden zu erforscher und ihre eigenen Wahrnehmungen über deren Beitrag bei ihrer Suchttherapie zu erfahren.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung wurden nun in der Zeitschrift ,International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being' veröffentlicht. Sie zeigen – wie es Ann Kern-Godal, eine der AutorInnen, formulierte – sehr deutlich, daß die Pferde von den Patienten als „Förderer einer positiven Identitätsbildung und als wertvolle emotionale Unterstützung während der Therapie" betrachtet werden.

Die Auswertung sämtlicher Interviews zeigte, daß vor allem drei wesentliche Themenbereiche von den Patienten angesprochen wurden: die Beziehung zum Pferd, die emotionale Betroffenheit und die Erfahrung von Kompetenz/Kontrolle im Umgang mit dem Pferd.  

Die Beziehung zum Pferd wurde – mit einer einzigen Ausnahme – von allen acht Patienten als der wichtigste Teil der pferde-gestützten Therapie genannt. Die Beziehung zum Pferd wurde als „speziell und gegenseitig", als „kommunikativ" und als „freundschaftlich" bezeichnet. Die Patienten fühlten sich von den Therapiepferden akzeptiert – und zwar ohne Bedingungen und ohne Vorurteile: „Du musst dich nicht beliebt machen, damit das Pferd dich mag – es akzeptiert dich einfach so, wie du bist", so drückte es einer aus

Die Begegnung mit dem Pferd löst Emotionen bzw. emotionale Betroffenheit aus: In Gegenwart der Pferde fühlten sich die Patienten ruhig, entspannt, glücklich und selbstsicher. Und es lenkt – wie ein Patient es formulierte – von den persönlichen Problemen ab: „Am Anfang ist es einfach Glück. Sehr positiv. Und zur gleichen Zeit lässt es mich alles andere vergessen. Es klingt ein wenig verrückt – aber man könnte es fast mit einer Droge vergleichen. Wenn man high ist, möchte man auch alles andere vergessen und nur in seiner eigenen kleinen Welt sein, nicht über negative Dinge und über seine Sorgen nachdenken. Das gleiche passiert mir, wenn ich hier bei den Pferden bin – ich bin dann ganz auf sie konzentriert und denke daran, was gerade jetzt und gerade hier beim Pferd passiert."

Die meisten Patienten haben auch eine andere Erfahrung angesprochen – nämlich jene, im Umgang mit dem Pferd etwas erreicht bzw. geleistet zu haben, sprich: erfolgreich gewesen zu sein, und sei es nur darin, mit der eigenen Nervosität und Aufregung fertiggeworden zu sein. Einer beschrieb seine Erfahrung beim Reiten so: „Es war das erste Mal, daß ich wirklich korrekt reiten konnte und daß ich es fertiggebracht habe, beim Galoppieren sauber auszusitzen. Es hat sich toll angefühlt." Fast alle Patienten berichteten, daß sie bei der ersten Begegnung mit dem Pferd nervös und sogar ängstlich waren und seine Kraft und Größe ihnen Respekt einflößte. Diese Furcht überwunden zu haben war für alle eine bleibende positive Erfahrung.

Wie die Wissenschaftler zusammenfassen, bestätigt die vorliegende Untersuchung die positiven Auswirkungen von pferde- bzw. tiergestützter Therapie bei der Behandlung von Suchtkranken, die auch schon in anderen wissenschaftlichen Arbeiten aufgezeigt wurde: Die Bindung zu einem Tier kann eine starke emotionale Unterstützung in einer Langzeit-Therapie sein – und eine entscheidende Motivation, länger in einer therapeutischen Einrichtung zu bleiben. Viele Suchtkranke haben ihre sonstigen sozialen Kontakte – etwa zu Familienmitgliedern oder Freunden – meist abgebrochen, durch das Tier lernen sie wieder, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und anderen wieder zu vertrauen. Und über die Beschäftigung mit dem Tier finden auch die Therapeuten wieder Zugang zum Patienten. Zudem strukturiert das Tier den Tagesablauf des Patienten, er muss es pflegen, betreuen und füttern und kommt so in eine „positive Versorgerrolle", was wiederum sein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl stärkt.

Die Studie „Contribution of the patienthorse relationship to substance use disorder treatment: Patients’ experiences" von Ann Kern-Godall, Ida H. Brenna, Norunn Kogstad, Espen A Arnevi und Edle Ravndal ist am 9. Juni 2016 im ,International Journal of Qualitative Studies on Health and Well-being' erschienen und steht in englischer Originalfassung hier zum Download zur Verfügung.

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