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Was machen wir, wenn die Pferde-Wurmkuren nicht mehr wirken?
20.03.2023 / News

„Wenn die Pferdebesitzer nicht jetzt umdenken, wird es zu spät sein“ warnt David Rendle, Präsident der britischen Pferdetierärzte-Vereinigung BEVA.
„Wenn die Pferdebesitzer nicht jetzt umdenken, wird es zu spät sein“ warnt David Rendle, Präsident der britischen Pferdetierärzte-Vereinigung BEVA. / Symbolfoto: Archiv

Die Resistenz gegen Entwurmungsmittel ist eine der größten Bedrohungen, mit denen die Pferdewirtschaft konfrontiert ist. In Großbritannien möchte eine neue Inititative das Problem nun vehement und nachhaltig angehen – mit einem Schulterschluss aller Beteiligten und einer großangelegten Informations- und Aufklärungskampagne.

 

Seit etlichen Jahren weisen ExpertInnen auf das Problem zunehmender Resistenzen gegen Entwurmungsmittel (Anthelminthika) bei Pferden hin – der Erfolg dieser Warnungen blieb allerdings überschaubar: Noch immer folgt ein beträchtlicher Teil der Pferdebesitzer in Sachen Entwurmung gleichsam dem althergebrachten ,Gießkannenprinzip' – entwurmt also seinen gesamten Pferdebestand in bestimmten Intervallen ohne Rücksicht auf die tatsächliche Parasitenbelastung, was mittel- und langfristig zu Resistenzen gegen die eingesetzten Wurmmittel führt. Ein alternativer Ansatz wäre die sogenannte selektive bzw. zeitgemäße Entwurmung, bei der mittels Kotprobenuntersuchungen und Zählung der Parasiteneier die individuelle Wurmbelastung jedes Pferdes festgestellt und erst dann entsprechend behandelt wird. Nur Pferde, die einen bestimmten Grenzwert an Parasiteneiern überschreiten, werden entwurmt – und Resistenzen so hintangehalten.

Nun hat sich in Großbritannien eine Initative geformt, die einem zeitgemäßen und auf einer ganzheitlichen Strategie basierenden Entwurmungs-Ansatz zum Durchbruch verhelfen und der zunehmenden Bedrohung von Wurmkur-Resistenzen entgegentreten will: Anlässlich der ,National Equine Show’ in Birmingham wurde am 4. März die neue branchenübergreifende Gruppe der Öffentlichkeit vorgestellt. Reiter wie die Vielseitigkeitsreiterin Piggy March, Trainerin und Coach Miri Hackett und Distanzreiterin Anna Bridges waren ebenfalls vor Ort, um die neue Initiative zu unterstützen.

Unter dem Namen CANTER („Controlling ANTiparasitic resistance in Equines Responsibly“)  haben sich Vertreter von Tierärzten, Diagnostikanbietern, Pharmaunternehmen, Handelsorganisationen, technischen Experten, Pferdebesitzern, Tierschützern, ReiterInnen und politische Entscheidungsträger zusammengefunden, um diese elementare gesundheitliche Bedrohung abzuwehren und der Pferde-Community Zeit zu verschaffen.

Alle beteiligten Vertreter erkennen die kritischen Folgen von Wurmkur-Resistenzen – und die Notwendigkeit koordinierter Maßnahmen, um diese Entwicklung zu verlangsamen und die Wirksamkeit der begrenzten Behandlungen aufrechtzuerhalten. Zentrale Forderungen der Gruppe sind:
– das Parasitenrisiko mit ihrem verschreibenden Tierarzt zu bewerten;
– durch Eizählungs-Tests die tatsächliche Parasiten-Belastung festzustellen, um gezielt zu behandeln und
– Mist von Koppeln regelmäßig zu entfernen, um die Exposition gegenüber Entwurmungsmitteln und die Entwicklung von Resistenzen zu verringern.  

Das Ziel von CANTER ist es, einen konsistenten Ansatz zur Parasitenkontrolle in der gesamten Pferdegemeinschaft zu unterstützen und – wie es Dr. Claire Stratford vom ,Veterinary Medicines Directorate’ formuliert – eine „zentrale Quelle der Wahrheit“ zu allen Fragen rund um die Resistenz gegen Entwurmungsmittel bei Pferden zu werden, in einem Bereich, in dem es traditionell unterschiedliche Meinungen und Botschaften gibt.

Die Gruppe hat sich dafür vier große Arbeitsschwerpunkte gesetzt:

1) Best-Practice-Leitlinien zu erarbeiten und noch vor Ende 2023 zu veröffentlichen, um Tierärzten evidenzbasierte Leitlinien und Informationen zu nachhaltigen, verantwortungsbewussten und praktischen Strategien zur Parasitenbekämpfung bei Pferden zu geben.

2) Es werden Leitlinien für Eizählungen im Kot erstellt, um Protokolle zur Erfassung, Verarbeitung und Interpretation der Ergebnisse zu etablieren und die effektive Nutzung von Diagnose- und Überwachungsinstrumenten zu fördern.

3) Ein Forschungszweig wurde gegründet, um Wissenslücken und Möglichkeiten zu identifizieren.

4) Eine effektive und breit angelegte Kommunikationsstrategie soll entwickelt werden, um all diese Informationen zu verbreiten.

Für Pferdebesitzer wurde auch ein kostenloses Analyse-Tool entwickelt, mit dessen Hilfe jeder Pferdehalter das Parasitenrisiko für seine Pferde einschätzen kann. Dieses „Risikoprofil für die Parasitenbelastung ihres Pferdes“ (siehe unten) und unterstützende Infografiken sollen die breite Palette von Faktoren hervorheben, die das Parasitenrisiko eines Pferdes beeinflussen. Ziel ist es, ein einfaches Bewertungsinstrument bereitzustellen, mit dem Pferde als niedriges, mittleres oder hohes Risiko einer Parasiteninfektion und -krankheit eingestuft und geeignete Maßnahmen mit dem verschreibenden Tierarzt besprochen werden können.

 

Das CANTER-Risikoprofil für die Parasitenbelastung: Je mehr Faktoren in der Kategorie ,gering' (low) zutreffen, desto geringer ist auch das Risiko; je mehr Faktoren in die Kategorie ,hoch' (high) fallen, desto höher ist das Risiko eines Parasitenbefalls und einer daraus resultierenden Erkrankung für ihr Pferd bzw. ihre Pferde. (Grafik: CANTER)

 

Der Präsident der British Equine Veterinary Association, David Rendle, sagte, die Resistenz gegen Anthelminthika stelle eine enorme Bedrohung für die Gesundheit und das Wohlergehen von Pferden dar, und die Annahme eines diagnostischen Ansatzes zur Parasitenkontrolle und eine Reduzierung des Einsatzes von Entwurmungsmitteln seien dringend erforderlich: „Wenn Pferdebesitzer nicht jetzt umdenken, wird es zu spät sein“, sagte Rendle. Und er meinte weiter: „Risikofaktoren für Parasiten-assoziierte Krankheiten sollten immer berücksichtigt werden, wenn ein Plan für die diagnostisch-orientierte Parasitenkontrolle entwickelt wird, und Diagnosen und Behandlungen sollten in diesem Rahmen berücksichtigt werden, nachdem die Risiken bereits berücksichtigt wurden. Wir müssen weg von der Ad-hoc-Nutzung von Eizählungen und Behandlungen.“

Alle Infos zur neuen Initiative CANTER findet man hier!

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