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Kolik-Verdacht bei Pferden: "Abwarten und Schauen" ist keine Option
19.02.2023 / News

Bei Kolik-Verdacht müssen Tierarzt und Pferdebesitzer rasch zu einer Entscheidung über die weiteren Behandlungsschritte kommen, so der dringende Rat des Experten.
Bei Kolik-Verdacht müssen Tierarzt und Pferdebesitzer rasch zu einer Entscheidung über die weiteren Behandlungsschritte kommen, so der dringende Rat des Experten. / Foto: Archiv/Redwings Horse Sanctuary

Schnelle Entscheidungen sind bei Kolik-Verdacht unabdingbar und beeinflussen maßgeblich die Überlebenschancen der betroffenen Pferde, wie ein spezialisierter Pferdechirurg betont. Durch Zögern und Zuwarten werde oft die „goldene Gelegenheit" für das beste chirurgische Ergebnis vertan.


Die erfolgreichsten Kolikoperationen sind in der Regel diejenigen, die eher früher als später durchgeführt werden. Folglich sollten Tierärzte, Besitzer und andere Betreuer schnell Entscheidungen treffen – und gleichzeitig die Risiken einer späteren Änderung dieses Plans vollständig verstehen, so Dr. David Freeman von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität von Florida in Gainesville. Der renommierte Pferde-Chirurg hielt einen vielbeachteten Vortrag zu diesem Thema auf der Konferenz der Amerikanischen Pferdetierärzte-Vereinigung AAEP (American Association of Equine Practitioners), die vom 18. bis 22. November 2022 in San Antonio, Texas, stattfand und über die das Portal TheHorse.com berichtete.  

Dr. Freeman betonte, dass es dringend notwendig ist, Pferde früh genug zu operieren, um zu vermeiden, dass Darm entfernt werden muss, der durch eine beeinträchtigte Blutversorgung nachhaltig geschädigt wurde. Dazu kommt es häufig in Fällen, in denen sich die Besitzer für einen „Abwarten-und-Schauen“-Ansatz entscheiden – in der Hoffnung, dass die Koliken mit Medikamenten verschwinden, bevor sie sich für eine Operation entscheiden – an diesem Punkt wird sich die Prognose selbst mit einer Operation deutlich verschlechtert haben, so Dr. Freeman. „Wir müssen so schnell wie möglich bei diesen Pferden sein, bevor der Darm irreversible Schäden erlitten hat“, fügte er hinzu.

Studien zeigen, dass bei Pferden, die sich einer Kolikenoperation in einem späten Stadium unterziehen – d. h. mehr als etwa acht bis zehn Stunden, nachdem die ersten Anzeichen einer Koliken bemerkt wurden – die Operation komplexer und das Risiko von Komplikationen größer ist, außerdem sind die Kosten höher und die Überlebensraten geringer – sowohl kurzfristig als auch langfristig, so der Experte.

Dies gilt insbesondere für Strangulationsläsionen, bei denen ein Abschnitt des Darms die kritische Blutversorgung verliert, so Dr. Freeman weiter. Solche Läsionen – die mindestens 60 % der Koliken bei Pferden im Alter von 20 Jahren und älter ausmachen – sind nur eines von vielen Beispielen für Krankheiten, die nur durch einen chirurgischen Eingriff behoben werden können. Sie gehören auch zu jenen gesundheitlichen Problemen, die sich mit der Zeit verschlimmern, auch wenn eine nicht-chirurgische medizinische Behandlung vorübergehend den falschen Eindruck erweckt, dass es dem Pferd besser geht.

Tierärzte müssen vor Ort schwierige Entscheidungen treffen: Wenn sie den Verdacht auf eine Darmverschlingung bzw. einen drohenden Darmverschluss haben, müssen sie das Pferd an eine chirurgische Einrichtung überweisen und dürfen keine wertvolle Zeit mit diagnostischen Verfahren und zeitaufwändigen Behandlungen wie der Flüssigkeitstherapie verlieren, so Dr. Freeman. Die Versorgung in einer Pferdeklinik – mit und ohne Operation – ist aber leider teuer, und viele diagnostische Tests, die vor Ort durchgeführt werden, werden in der Klinik wiederholt, was die Kosten weiter erhöht.

Vor allem, wenn das Pferd alt ist und daher ein Risiko für ein sogenanntes „strangulierendes Lipom" besteht (das sind an sich gutartige Fettgeschwulste am Darm, die bei älteren Pferden häufig vorkommen und normalerweise keine Probleme verursachen, die sich aber unter ungünstigen Umständen wie eine Schnur um den Darm wickeln und diesen strangulieren können, Anm.), erhöht eine frühzeitige Aufnahme in einer chirurgischen Einrichtung wahrscheinlich die Überlebenschancen, mit geringeren Komplikationsraten und folglich niedrigeren Kosten im Vergleich zu einer verzögerten Entscheidung.

Mit all diesen Informationen im Hinterkopf spielen behandelnde Tierärzte eine entscheidende Rolle bei der Anleitung des Besitzers, so Dr. Freeman: „Sie als behandelnder Tierarzt könnten auf dem Pferdebetrieb festlegen, dass dies ein Pferd ist, das nicht dem Muster entspricht, das auf eine medizinische Behandlung ansprechen wird. Der Besitzer kann das akzeptieren – und das Pferd wird zur Operation in ein Krankenhaus überwiesen. Oder der Besitzer sagt: „Nun, ich kann mir eine Operation nicht leisten“ – und das Pferd wird eingeschläfert. Das wären unter den gegebenen Umständen angemessene Entscheidungen und sicherlich das Vorrecht des Eigentümers."

Schwierig wird es jedoch dann, so Dr. Freeman, „wenn eine Operation [zunächst] abgelehnt wird und die Vorstellung besteht, dass eine fortgesetzte medizinische Therapie möglicherweise funktionieren könnte. Problematisch ist, dass zu diesem Zeitpunkt des Krankheitsverlaufs eine OP bereits früher hätte erfolgen sollen.“ Hier hat man wertvolle Zeit verloren – und die Überlebenschancen des Pferdes haben sich verschlechtert.

Warum aber entscheiden sich Eigentümer oftmals für das Zuwarten? In Gesprächen mit Pferdebesitzern werden häufig drei Hauptgründe genannt, warum sie eine Operation zunächst ablehnen – ehe sie ihre Meinung später möglicherweise ändern, wenn das Ergebnis wahrscheinlich schlechter und die Kosten höher sind.

Diese drei Gründe sind:
– Das Pferd wird nach einer Kolikenoperation nie mehr dasselbe sein.
– Dies ist ein altes Pferd, und alte Pferde vertragen Anästhesie- und Kolikoperationen nicht gut.
– Dieses Pferd wird sehr geliebt/geschätzt, aber wir können es in unserer derzeitigen finanziellen Situation nicht rechtfertigen, Geld für eine Kolikenoperation auszugeben.

Die ersten beiden Annahmen sind schlicht falsch und führen zu vielen unnötigen Todesfällen, so Dr. Freeman: Dokumentierte Fälle von Pferden, die das Kentucky Derby und andere Top-Rennen nach einer Kolikoperation gewonnen haben, sowie Studien, die gleiche postoperative Überlebensraten bei älteren und nicht-älteren Pferden festgestellt haben, widerlegen zweifelsfrei die ersten beiden Argumente.

Bedenken hinsichtlich der Tierarztkosten im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen können tatsächlich eine entscheidende Rolle bei der kurzfristigen Entscheidungsfindung spielen – aber dies wird manchmal durch die emotionale Bindung an das Pferd oder die rasche Verfügbarkeit von Geldern aus verschiedenen Quellen aufgehoben, so Dr. Freeman. Ein solcher Sinneswandel – obwohl verständlich – kann jedoch insofern tragisch sein, als die verlorene Zeit zu teureren Eingriffen führt, verbunden mit niedrigeren Überlebensraten und einem höheren Euthanasierisiko während oder nach der Operation.

„Eines der größten Probleme, auf die wir [als Tierärzte] stoßen, ist der Satz: ‚Eine Operation kommt nicht in Frage!“, so Dr. Freeman. „Und der Grund, warum es ein Problem ist, ist, dass sich dieser Satz bzw. diese Haltung ändern kann. Doch wenn sie geändert wird, ist die goldene Gelegenheit für das beste chirurgische Ergebnis bereits verstrichen.“

Kommunikation und Aufklärung der Besitzer auf Basis solider, wissenschaftlich fundierter Informationen können Verzögerungen vor Ort verhindern, Tierarztkosten optimieren und dazu beitragen, Tragödien zu vermeiden, so Dr. Freemans Resümee. Die Kosten spielen eine entscheidende Rolle bei den Entscheidungen des Eigentümers und müssen durch eine schnelle Überstellung an eine Klinik und die damit verbundenen Vorteile minimiert werden.

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