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Pferdegeschichte(n) einst & jetzt: Der Donau-Alpen-Pokal 1984
13.01.2024 / News

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten, heißt es. In dieser neuen Reihe begeben wir uns mit Dr. Reinhard Kaun auf hippologische Zeitreise – diesmal zum bemerkenswerten Donau-Alpen-Pokal des Jahres 1984.


Eiskalter, schneidender Ostwind trieb den Schnee vor sich her, eine schmale fahle Mondsichel kündigte den Neumond an, als die schwere Glocke am Eingang anschlug. Der alte Herr, der Besuch erwartet hatte, begab sich spornstreichs zum Tor und ließ seine Gäste ein. „Ich freue mich, dass Sie wieder da sind, ich muss gestehen, dass ich nach meiner Ankündigung, die Gespräche über kriminelle Aspekte in der Hippologie nach elf Abenden beenden zu wollen, erwartet – um nicht zu sagen, befürchtet hatte – Sie Beide nicht mehr zu sehen.“ Die junge Dame warf einen kurzen Blick auf ihren Begleiter, der nickte, und erwiderte: „Durch die Zeit, die wir im Gespräch mit Ihnen verbracht haben, ist unser Blick auf die Welt der Pferde ein anderer geworden. Zwar war anfangs, wie Sie richtig bemerkten, deren kriminelle Seite unser Hauptinteresse, aber nun haben wir beide, wie man in der Sprache von Raubtieren sagt, Blut geleckt – die Abende mit Ihnen machen einfach Freude und bereichern uns!“  Der alte Herr schmunzelte und gab zurück: „Ich bin froh, dass Sie an unseren Gesprächen Freude haben, im zeitgenössischen Sprachgebrauch scheint ja Freude abgekommen und dem allgegenwärtigen „Spaß“ gewichen zu sein – nur, Spaß und Freude sind eben so wenig dasselbe wie Klugheit und Schlauheit.“

„Sie hatten bei unserem letzten Besuch angedeutet, dass Sie bereits in jungen Jahren publizistisch tätig waren und auch Turnierberichte verfasst haben.“ begann der junge Herr das Thema zu wechseln. „Ja, ich habe Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts meine ersten Berichte über pferdesportliche Ereignisse verfasst, zunächst überwiegend für die Pferdezeitschrift CHEVAL, deren Chefredakteur Niedrist mir viel rhetorischen und inhaltlichen Freiraum gelassen hat, später kamen regelmäßige Veröffentlichungen in der internationalen Fahrsportzeitschrift IN MEMORIAM ACHENBACH dazu, die unter ihren Schweizer Redakteuren Charly Iseli und Heide Keller dreisprachig und weltweit vertrieben wurde. Meine Berichte waren aufgebaut wie gute Opern- und Theaterkritiken – meist konstruktiv, oft auch bissig. Und sie wurden gelesen!

Charly Iseli (IN MEMORIAM ACHENBACH) im Gespräch mit Baron Drasche und dessen Frau beim Fahrderby in Ebreichsdorf

Sie hatten mich um eine Kostprobe gebeten!“


„Auch Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden…“
„Donau-Alpen-Poka“l und „Lancia Trophäe“ – Monte Maggiore/Rom 19.bis 23.10. 1984 – publiziert 1984 in CHEVAL – ein Bericht von Dr. Reinhard Kaun

Als der Begründer des Gespannfahr-Bewerbes „Donau-Alpen-Pokal“, Alexander Graf Menssdorff-Poully und seines „Amtes“ auch Chef d`equipe der österreichischen Mannschaft nach der Siegerehrung zu mir sagte, er wolle den „Donau-Alpen-Pokal“ fürderhin als Einzelereignis wissen – denn dies Fahrturnier hier in Italien wäre nun zum zweiten Mal als eigenständiges Ereignis untergegangen (der Leser entsinnt sich des Berichtes über Nördlingen, wo der DAP in das „Scharlach-Rennen“ eingebettet war, und heuer nun im „Lancia - Cup) so konnte ich ihn sehr gut verstehen; als er mich dann aber bat, ich möge mit der Berichterstattung über den DAP in Italien Zurückhaltung üben, konnte ich ihn aber dann nicht mehr ganz verstehen, war doch seine Idee mit Füssen getreten worden; nichts desto weniger gab ich dem geschätzten Grafen mein Wort, mich gegen meine Überzeugung milde zu zeigen, seinem Argument entsprechend, dass bei zu scharfer, wenn auch angebrachter Kritik sich keine Veranstalter mehr finden würden.

Und welcher Sinnspruch würde für ein Turnier in Rom schon besser passen als „wer will schon päpstlicher als der Papst sein!?“  

Ich will es nicht sein, zumal mir diesen Rang schon zwei Institutionen abgelaufen hatten: einmal die italienischen Zöllner bzw. deren Grenztierärzte und einmal die FEI.

Dass bei einem unserer Fahrer die Grenzpapiere nicht ganz den Anforderungen entsprachen, sei zugegeben- dass man aber deshalb den Pferdetransport 24 Stunden an der Grenze festhält, ist wohl doch übertrieben.

Die holländischen Fahrer verbrachten mit ihren Pferden nahezu zwei Tage am Brenner, weil die offizielle Einladung Italiens zum DAP nicht an der Grenze vorlag.

Die Polen hielt man in Tarvis einen Tag fest, weil die Grenztierärztin ihren freien Tag hatte.
Kaum ein Gespann war Neuling im internationalen Turnierzirkus – deshalb meine Frage: ist es wirklich nötig, die Bemühungen der Veranstalter, ausreichend Starter zu bekommen, durch Grenzschikanen – die auch zu Lasten der Kondition der Pferde gehen – zu vereiteln.

Die zweite – päpstlichere – Organisation war der Weltpferdesportverband FEI, der – zugegebener Maßen Statuten konform – sinnlos hohe Strafen verhängte. 

Es gibt medizinisch keine Rechtfertigung für 200 US Dollar Strafe, weil der Termin der Nachimpfung (Grippe) zwei Tage über Jahresfrist ging. Die Österreicher hatten Strafen in der Höhe von 400 US Dollar, die Deutschen 600 US Dollar zu berappen, mit 1400 US Dollar Strafe hatte man den Jugoslawen besonders übel mitgespielt.

Diese Strafen seien jedem, der im Besitze eines FEI-Passes ist, eine Warnung, die jeweils notwendige Dokumentation ordnungsgemäß auszufüllen.

Wie dem auch sei – alle Gespanne waren zu guter Letzt beizeiten eingetroffen, aus weiser Voraussicht für die tausend und mehr Kilometer Sicherheitsspannen einkalkulierend, und hatten im nasskalten Monte Maggiore für die Pferde ausgezeichnete Stallungen bezogen. Die Unterbringung der Grooms war durch Wohnwägen neben den Stallungen geregelt, Fahrer und deren Entourage hatten zu den Quartieren 20 km und mehr zurückzulegen. Die durchschnittliche Entfernung von den Stallungen zum Dressurplatz war 6 km, wobei die Holländer, Schweizer, Engländer noch gut bedient waren, die Deutschen noch erheblich weiter fahren mussten, aber die Ungarn, Polen und Jugoslawen zum Dressurplatz und zurück eine „Marathonstrecke“ zurückzulegen hatten.

Als Turnierareal stelle man sich tunlichst einen öden Truppenübungsplatz des italienischen Militärs vor, eine Landschaft von hügeliger Beschaffenheit – Roms Umgebung also!

Bei meiner Ankunft fand ich ein unbesetztes Turnierbüro vor, in dem die nötigen Unterlagen - für Beherzte - zur freien Entnahme herumlagen. Von meiner Presse-Akkreditierung wusste man nichts, abgesehen davon war ich der einzige Pressevertreter. Dass ich zusätzlich noch als offizieller Team-Tierarzt der österreichischen Mannschaft mitgekommen war, überstieg das geistige Fassungsvermögen der – an diesem Breitengrad – schönen, aber bequemen Italiener, besonders der Offiziere.

Für den Dienstag am Nachmittag war die erste Examination der Pferde durch den Turniertierarzt angekündigt. Ein Veterinäroffizier und ein Zivilist rückten auch tatsächlich an, standen etwas unbeholfen in der Gegend herum und musterten mit verständnislosem Blick die Pferdepässe, um alsbald kommentarlos wieder das Weite zu suchen. Allein der Umstand, dass fast jede Mannschaft einen Team-Tierarzt mithatte, schien sie außerordentlich zu verunsichern.

Für Mittwoch war eine Richter- und Teamchefbesprechung vorgesehen, im Anschluss daran die Marathonbesichtigung. Letztere wurde von offizieller Seite nur mit den Teamchefs absolviert, deren Aufgabe es dann war, eine Besichtigung mit den Mannschaften vorzunehmen. Dies ist sicher eine gute Methode, um Emotionen im Zaum zu halten, andrerseits wurde auch der Kontakt zwischen den Teams unterbunden.

Gemeinsames Merkmal aller Termine war deren unpünktlicher Beginn, der bis zu einer Stunde, und bei der Siegerehrung noch mehr, auf sich warten ließ.

Die Veterinärkommission hatte sich einmal für 9 Uhr angesagt, erschien dann aber erst gegen 13 Uhr – aber ja, wir sind in Italien.

Für Donnerstag 10 Uhr war der Aufmarsch der Nationen angesetzt, das Wetter hatte aufgeklart, strahlende italienische Herbst-Sonne stand wärmend am Himmel. Die Bedenken der Fahrer, dass die säuberlichst geputzten Gespanne durch die Parade wieder beschmutzt würden, was bei der Präsentation Abzüge brächte, wurde durch eine Zusicherung der Richter, dass „frischer Staub“ nicht beurteilt würde, rasch zerstreut.

Karl Ratzenböck

Am Abfahrplatz hatte sich Kavallerie eingefunden, zehn Reiter trugen die Fahnen der Nationen – so gab der Aufmarsch der Nationen mit Begrüßung durch den Kommandanten des Militärstützpunktes beste Hoffnung für den weiteren Verlauf des Turnieres.

Zu bedauern war, dass das gesamte Ereignis durch die völlige Absenz von Zuschauern gekennzeichnet war, ein Dutzend Offiziere mit Fußvolk, 150 Personen als Begleitung der Mannschaften, einige Schlachtenbummler und eine Handvoll neugieriger Italiener säumten die Arena. Am gesamten Weg zwischen Rom und Monte Maggiore, ja selbst in dessen allernächster Nähe, konnte das Auge keine Hinweise auf ein (für uns) so bedeutsames Turnier finden – das vom Veranstalter aber gerne als, zunächst noch inoffizielle, Europameisterschaft gesehen worden wäre, manche sprachen sogar von Weltmeisterschaft, weil auch ein Teilnehmer aus den USA gekommen war.

Man konnte jedoch bei der Parade der Nationen bereits erkennen, was sich im Verlauf des Turniers herausstellte – mit der Erfahrung aus dem Fahrderby in Ebreichsdorf deckte – die Holländer waren mit Abstand die niveauvollste Mannschaft im Hinblick auf Pferde und Aufmachung. So gewann auch der Niederländer Brouwer die Präsentation mit 4 Fehlerpunkten, auf ihn folgten acht Fahrer mit 5 Punkten, darunter der Holländer Heock, die Engländer Gregory und Pullen, der Deutsche Hennings, der Franzose Lavauzelle, der Italiener Bruno, der Ungar Feher und der Amerikaner Cheston mit einem Leihgespann aus den Schweizer Stall Iseli.

In der nächsten Gruppe mit jeweils 6 Punkten war dann der beste Österreicher Peter Gartner zu finden. Karl Ratzenböck war mit 8 Punkten bereits in einer Gruppe mit Platz 24, Gottfried Breuss an 30. Stelle.
Insgesamt hatte die Italienische Mannschaft die Präsentation vor den Ungarn und Deutschen gewonnen, während Österreich nach den, an vierter Stelle liegenden Schweizern kam.

Der Freitag war ausgefüllt mit der Dressur. Der Dressurplatz war schön, von ausreichender Beschaffenheit, eingerahmt von herbstlich gefärbten Laubbäumen. Der Ungar Istvan Feher gewann die Dressur mit 35 Punkten, gefolgt vom Deutschen Pieper mit einem traumhaften braunen Holsteinergespann, an dritter Stelle war der Engländer Paul Gregory mit Cob-Rappen. Josef Bòzsik aus Ungarn fuhr zwei neue Pferde, Schimmelhengste aus Szilvasvarad, und blieb unter seinem sonstigen Niveau am 4. Platz. Peter Gartner erreichte im DAP den 10., Gottfried Breuss den 15. Und Karl Ratzenböck den 19. Rang.  Die Dressur war den Österreichern nicht zufriedenstellend gelungen. Große Hoffnung, nach vorne zu kommen, wurde jetzt in die Marathonprüfung gelegt.

Josef Bozsik (H)

Die Strecke war schwer, führte über 24 km ohne ein ebenes Stück aufzuweisen, die Phase E war mit 8 Hindernissen auf 9 km gespickt. Die Phase C war dann – entgegen der Ausschreibung – „nur“ mit 18 km/h zu fahren – auch mit diesem Tempo hatten viele ihre liebe Not. Zum Glück für die Pferde war durch einen nächtlichen Wettersturz die Hitze einem windigen, nasskalten Tag gewichen, was der Kondition der Pferde sehr entgegen kam. Die Zwangspausen wurden sehr locker gehandhabt, die Bockrichter – vornehmlich Militärpersonen, sieht man von einigen erlesenen Ausnahmen ab – wurden von den Fahrern als völlig inkompetent beschrieben. Die, die Verfassung der Pferde kontrollierenden Tierärzte waren überwiegend Ferndiagnostiker, denen der Schweiß eines Pferdes ebenso widerlich zu sein schien wie der Gebrauch eines Stethoskops.

Die Hindernisse waren solide gebaut und auch als gut zu bezeichnen – für Hindernis 8 aber möchte ich, die Pferde betreffend, eine Einschränkung machen.

Das Hindernis 4 hätte – wie bei der Besichtigung angekündigt – mit 40 cm Wasser geflutet werden sollen, da aber die Wasserzufuhr nicht funktionierte, unterblieb dies. Die einzige Schwierigkeit bestand dort dann darin, die Ausfahrt nicht mit der Einfahrt zu verwechseln. Der Ausgleich war eine auf der Strecke liegende Wasserdurchfahrt, die jedoch nicht als Hindernis galt.

Das schon erwähnte Hindernis 8 war eine etwa 50 m lange und 45 Grad geneigte Böschung mit steinigem Untergrund, ein Hindernis also, das die Zugfestigkeit der Pferde bis aufs Äußerste forderte. In seiner ursprünglichen Konzeption hätte nach etwa 2/3 der Hindernislänge noch einmal eine Linksvolte bergab gefahren werden müssen, um dann- neuerlich bergauf- durch das Tor C zu kommen. Durch Proteste der Teamchefs und Einwände der Team-Tierärzte, die auf dieses Hindernis am liebsten verzichtet hätten, wurde es dann verkürzt. Nach meiner Ansicht war dieses Hindernis unnötig kraftraubend für die Pferde und als letztes Hindernis auch falsch platziert. Bösen Gerüchten zufolge war dieses Hindernis als Gastgeschenk für die aus dem Flachlande kommenden, gefürchteten Ungarn „in Liebe“ zugedacht.

Als erster österreichischer Fahrer kam Karl Ratzenböck, der die gesamte Strecke ohne viele Fehler fuhr und so in der Marathonwertung den 4. Platz errang. Peter Gartner war ebenfalls gut und flott unterwegs, als ihm nach Hindernis 6 die Deichselkonstruktion den Dienst versagte: in fieberhafter Arbeit wurde mit dem Reserve-Ortscheit ein Provisorium fabriziert – 5 Minuten Zeitverlust war die Folge, der Bewerb konnte aber beendet werden. 

Gottfried Breuss hatte Unstimmigkeiten mit seinem Bockrichter, der sich in der Phase A als fanatischer Stricherlmacher entpuppte, ohne dass dazu (immer) Anlass bestanden hätte. Im Hindernis 6 konnte sich Breuss mit seinen Füchsen nicht über den Verlauf einigen, eines der Pferde bestand auf seiner individuellen Streckenwahl – was zulasten der etwas minderbemittelten Deichsel ging. 

Nun zu Hindernis 8 – es kam, wie es kommen musste (oder sollte): die beiden Ungarn Bozsik und Feher kamen zum Stehen, weil die Pferde – Zugleistung im steilen Gelände nicht gewöhnt - nicht mehr in der Lage waren, wegzuziehen. Bozsik hatte das Glück, dass der zurückrollende Wagen sich beim roten A verfing und das Gespann so zum Stehen und Rasten kam. Der kluge Fahrer gab den beiden jungen Hengsten Zeit, sich etwas zu erholen, so hatten die beiden Schimmel dann genug Kraft, aus dem Hindernis zu ziehen. Wie groß Bozsiks Angst vor diesem Hindernis war, konnte man daraus ablesen, dass er es unglücklich und eckig anfuhr. Istvan Feher musste nach zwei Versuchen, aus dem Steilhang wegzufahren, aufgeben, die Pferde konnten nicht mehr – er schied aus.

An dieser Stelle sei mr ein kleiner Vorgriff auf den Sonntag erlaubt: Barnabas Kovacs (H), der mein Lieblingspferd, die „schwarze Tulipan“ – eine Lipizzaner-Stute von solitärer Schönheit (früher in Bozsiks Gespann) – an der Stange hatte, war beim Hindernisfahren wegen „Einsagens durch den Beifahrer“ vom holländischen Richter ausgeschlossen worden – damit hatte man die ungarische Mannschaft zur Gänze ausgerottet. Sie trug es mit ungarischer Würde!

Nachdenklich, aber mit feinem Lächeln nahm der alte Herr seine Brille ab und ließ die schon etwas vergilbten, vierzig Jahre alten Blätter sinken: „Die Rache der Ungarn kam bei der WM der Vierspänner in Szilvasvarad: Der damalige holländische Trainer war bei dieser WM Titelverteidiger  - als er zur Dressurprüfung einfuhr, setzte in der Arena ein lebhaftes Bänkerücken und Plätzetauschen ein, bei der Marathonprüfung war – natürlich versehentlich – auf der Brücke ein Sandsack geplatzt – echter Sportsgeist eben.“

Der Vorgriff hat aber einen anderen Grund: nämlich das leidige Thema „fremde Hilfe“ – was ist sie und wo beginnt sie? Wenn am Beginn des Steilhanges der Mannschaftstrainer steht und mit seiner zehnköpfigen Crew beim Einfahren eines Gespannes seiner Mannschaft anfeuernd die Pferdenamen brüllt – in einem unverwechselbaren magyarischen Sprachduktus – was ist das?  Wenn ein anderer – hinter den Kulissen als Mannschaftrainer tätiger – durch seinen Weltmeister-Titel offensichtlich zu jeder „Freiheit“ legitimiert – die von ihm trainierten Gespanne in allen Phasen der Marathonfahrt mit einem Moped begleitet und sogar während der Besichtigung zum Hindernisfahren den Parcours mit seinem Vehikel abfährt – was ist das? Der Artikel 911 des Reglements für Fahrturniere verbietet solche Eingriffe bei Strafe der Elimination.

Naturgemäß gab es bei diesem Hindernis 8 auch wieder die Diskussion über den übertriebenen Gebrauch der Peitsche. Hier erhebt sich die Frage, ob es dem sportlichen Eifer eines Fahrers, der 23 km Marathonstrecke und 7 Hindernisse gefahren hat, zuzumuten ist, einen Kilometer vor dem Ziel im letzten Hindernis an den Artikel 912 > Tierquälerei durch übertriebenen Peitschengebrauch < zu denken?  Deshalb war ich auch sehr erzürnt, als mir ein Richter, der vorher dieses Hindernis gutgeheißen hatte, auf meine Frage, wie Fahrer hier zurechtkämen, antwortete: „Ganz gut, einige unschöne Bilder, der Peitschengebrauch wird bei einigen Folgen haben!“  Warum baut man solche Hindernisse, an falscher Stelle, die eindeutig gegen die Pferde gebaut sind – warum nehmen Technische Delegierte und Richter solche Hindernisse ab – wenn die Mannschaftstierärzte Bedenken anmelden???

Ärger und Verbitterung seitens der Fahrer und Beifahrer gab es im Zielraum – jeder hatte sich der abschließenden Wagenwiege- und Veterinärkontrolle unterzogen. Als aber das Gespann Nr. 3 einfuhr, auf dem als Bockrichterin die Ehefrau des Chefs der Jury geruht hatte, mitzukommen, wurde sowohl der Veterinär wie auch der Wiege-Richter mit einer müden Handbewegung verscheucht, der Hund wurde emporgereicht und das Gespann entfernte sich ohne Abschluss-Kontrolle – der Ehegatte der Dame präsidierte als Richter bei C. Als er einmal eine halbe Stunde zu spät zu „seinem Punkt“ kam, meinte er – die dritten Zähne bleckend – dass es ohne Dirigenten wohl nicht beginnen könne.

Ich habe bei Herrn von Karajan noch nie erlebt, dass er sich verspätet hätte, aber bei Taktstockschwingern kleiner Häuser mag das ja vorkommen.

Auch der Artikel 923 soll erwähnt sein: Wenn ein Fahrer nicht innerhalb einer Minute nach den Glockenzeichen mit der Dressuraufgabe beginnt, wird er disqualifiziert.

Das Hindernisfahren am Sonntag verlief für unsere Fahrer eher enttäuschend – entweder man wollte halten was man hatte oder die bisherige Situation verbessern – wie auch immer, es gab Abwürfe und Zeitfehler.

An mein Versprechen gegenüber Graf Menssdorff-Poully gebunden, möchte ich von der Siegerehrung nur berichten, dass sie mit einer Verspätung von 11/2 Stunden begann, vollkommen Stil- los war und peinlicher Elemente nicht entbehrte.

Der Graf konnte aber „seinen“ Donau-Alpen- Pokal der siegreichen Schweizer Mannschaft übergeben, deren Fahrer Heiner Merck und Max Eigenmann sich hervorragend geschlagen hatten. Der ausgezeichnete Schweizer Fahrer Daniel Kirchmeier sah sich beim Abladen in Italien einem lahmen Pferd gegenüber, fuhr in sehr sportlicher Haltung deshalb nur die Präsentation und verzichtete auf die übrigen Bewerbe, eine bittere Pille, die der sympathische Fahrer, dem sein Vater als Groom zu Seite steht, ohne jede Verbitterung einnahm. Heiner Merck ist ein äußerst starker Fahrer, der nicht nur  sympathisch ist, sondern auch seinen Wallach vor zwei Jahren bei der EM in Zug unserem Viererzug-Fahrer Helmut Kolouch spontan zur Verfügung gestellt hatte.  

Das Turnier in Rom zusammenfassend, kann man sagen, dass unsere Fahrer im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich recht gut gehalten haben. Das internationale Niveau ist sehr, sehr hoch und sich dem anzupassen, bedarf großer Anstrengung. Eines ist aber klar zutage getreten: bei einem Vielseitigkeitsturnier sind in jeder Sparte gute Leistungen zu erbringen – ein Training nur für eine Disziplin ist nicht ausreichend. Dressur, Marathon und Geschicklichkeitsfahren sind Drillinge aus einem Schoss, keiner ist zu bevorzugen. Neben der Aufmachung ist naturgemäß auch das Pferdematerial von eminenter Bedeutung – hier scheint es, als ob wir Aufholbedarf hätten.

Fritz Fröch mit einem Curricle

Noch ein Wort zur Mannschaft: Fritz Fröch, weiland als Fahrer gut bekannt – war als Trainer ein aufopfernder Mann – nicht nur, dass er seine eigene Erfahrung aus vielen internationalen Turnieren rückhaltlos weitergab, er hätte auch – von Beruf Friseurmeister – Rossinis „Barbier von Sevilla“  den Rang abgelaufen – „Figaro hier  - Figaro da…“ – er schnitt Haare und Bärte im Team, er verzog Mähnen, er korrigierte Kötenbehänge, brachte Schweife auf die vom Stil erforderliche Länge – und hatte überhaupt ein strenges Kommando. Das Klima innerhalb der Österreicher war hervorragend, von Idealismus geprägt. Robert Wurth, nunmehriger Eigentümer der Fröch`schen Rappen, hätte Fahren lassen können, aber nein, er fuhr selber mit den Turnierwägen am Transporter. Bestens schlugen sich die Beifahrer: Frau Gartner bei ihrem Mann, Otto und Stefan bei Ratzenböck und Breuss.

Resümierend kann man sagen: Rom war für unsere Mannschaft ein Gewinn – wenn auch nicht an Preisen, so doch an Erfahrung.

Donau-Alpen-Pokal
Mannschaft:
1.    Schweiz
2.    Deutschland
3.    Italien
4.    Österreich
5.    Jugoslawien
6.    Ungarn
Einzel:
1.    Pieper (BRD)
2.    Merck (CH)
3.    Bozsik (H)

Der alte Herr legte sein Manuskript auf das Tischchen neben dem Kamin und lehnte sich zurück. „Es ist in unserer heutigen Zeit kaum mehr vorstellbar, dass Grenzschikanen den Sport behindern oder dass es Materialprobleme bei den Wägen gibt – so gesehen leben wir zu Zeit sicher in der besten aller Welten.

Kennen Sie den Prolog im Himmel aus Goethes FAUST I?“ frug der alte Herr seine Gäste „Es ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass ich dieses Werk über alles liebe. Im Prolog im Himmel hält „Gott, der Herr“ im Rahmen seiner Himmelssprechstunde einen Dialog mit „Mephisto, dem Teufel“, in dem sich Mephisto bitter über den Zustand der Welt beklagt und auf den Vorhalt des „Herrn“:

Kommst du nur immer anzuklagen? Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

erwidert:

Nein Herr, ich find es dort wie immer herzlich schlecht! Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen, ICH mag sogar die Armen selbst nicht plagen!

Ist es nicht bemerkenswert, dass in der Weltliteratur das Gute und das Böse im Gespräch bleiben und feststellen müssen, dass der Jammer der Welt durch Menschen verursacht ist und nicht von fremden, bösen Mächten kommt !?“

 

Dokumente, Fotos, Grafiken und Literatur – Archiv & ex libris Dr. Kaun seit 1963

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