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Drei einflussreiche historische Hengste hatten Wirbelsäulen-Probleme
04.11.2023 / News

Der Englische Vollblüter Dark Ronald xx (1905–1928) gilt als Stempelhengst der deutschen Vollblutzucht des 20. Jahrhunderts und kam im Jahr 1913 für die enorme Summe von 500.000,– Goldmark nach Deutschland.
Der Englische Vollblüter Dark Ronald xx (1905–1928) gilt als Stempelhengst der deutschen Vollblutzucht des 20. Jahrhunderts und kam im Jahr 1913 für die enorme Summe von 500.000,– Goldmark nach Deutschland. / Foto: Wikimedia Commons/Gooreen Collection

Ein deutsches Forscherteam untersuchte die Skelette von fünf wichtigen historischen Hengsten – und konnte bei drei von ihnen deutliche Fehlbildungen im Bereich der Wirbelsäule feststellen, deren Auswirkungen aber noch nicht geklärt sind.
 

Elisa Zimmermann und ihre Forscherkollegen stellten in der Zeitschrift ,animals' einleitend fest, dass Fehlbildungen im Bereich des zervikothorakalen Übergangs sowohl bei modernen Pferden als auch bei Skeletten aus Museen beschrieben wurden.

Der zervikothorakale Übergang bezieht sich auf den Bereich der Wirbelsäule, in dem die Halswirbel (Halswirbel) in die Brustwirbel (Brustwirbel) übergehen. Im Großen und Ganzen deckt es den unteren Hals-, Schulter- und Widerristbereich ab. Fehlbildungen des Übergangs betreffen die Halswirbel C6 und C7, den Brustwirbel T1 und in unterschiedlichem Ausmaß die erste und zweite Brustbeinrippe. Bisher sind die klinischen Auswirkungen dieser Fehlbildung, ihre Prävalenz und die Art der Vererbung in Pferdepopulationen noch nicht geklärt.

ForscherInnen der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover untersuchten in einer Studie fünf erhaltene Skelette bekannter Hengste auf Anzeichen von Fehlbildungen des zervikothorakalen Übergangs. Die historischen Skelette der vier englischen Vollblüter Dark Ronald XX, Der Loewe XX, Birkhahn XX und Le Destrier XX sowie des Hannoveraner Wallachs Dux wurden vom Institut für Anatomie der Tierärztlichen Hochschule Hannover sowie der Haustierkundlichen Sammlung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für die Untersuchungen zur Verfügung gestellt.

Bei drei der fünf historischen Pferde konnten sie Fehlbildungen von C6/C7 feststellen. Dabei handelte es sich um die Vollbluthengste Dark Ronald (1905–1928) und zwei seiner Urenkel, Der Loewe (1944–1973) und Birkhahn (1945–1965).

Die Fehlbildungen von C6 und C7 zeigten erhebliche Unterschiede zwischen den drei Hengsten, so das Studienteam: Dark Ronald, Der Loewe und Birkhahn waren einseitig bei C6 und C7, einseitig bei C6 und beidseitig bei C6 und C7 mit unterschiedlichem Schweregrad betroffen.

Um zu beurteilen, ob diese Missbildungen zufällig waren, nahmen sie eine Zufalls-Stichprobe von 20 lebenden Deutschen Warmblutpferden, die entfernte Nachkommen dieser Hengste sind. Die Stichprobe bestand aus zehn Kontrollpferden und zehn Pferden mit bekannten Fehlbildungen von C6/C7. Der Blutanteil der historischen Vererber bei den modernen Warmblutpferden lag zwischen 0,10 und 6,25 %. Der Beitrag dieser Vererber zur Inzucht bei jedem einzelnen Pferd der ausgewählten Pferdegruppe wurde als Prozentsatz des gesamten Inzuchtkoeffizienten ausgedrückt und lag zwischen 0,01 und 17,96 %, was ihren Einfluss auf das moderne Warmblut verdeutlicht.

Das Studienteam konnte die äußerst unterschiedliche Natur der Fehlbildung von C6/C7 innerhalb dieser Pferdefamilie, einschließlich historischer und moderner Pferde, beschreiben. Darüber hinaus entdeckten sie Variationen, die im Zusammenhang mit Fehlbildungen des zervikothorakalen Übergangs auftreten, die in der Literatur bisher nicht beschrieben wurden.

Die AutorInnen stellten fest, dass alle drei Hengste intensiv in der deutschen Pferdezucht eingesetzt wurden, wobei Der Loewe beim Hannoveraner Warmblut und Birkhahn beim Vollblut zum Einsatz kam, während Dark Ronald sowohl beim Vollblut als auch beim Deutschen Warmblut häufig eingesetzt wurde.

Das Studienteam stellte anhand historischer Quellen fest, dass Birkhahn etwa drei Jahre lang sehr erfolgreich im Rennsport tätig war. Dark Ronald und Der Loewe hatten nur eine sehr kurze Rennkarriere und wurden bald ausschließlich zu Zuchtzwecken eingesetzt. „Anhand der spärlichen Informationen zu den Leistungsdaten aller drei Hengste können wir keine Rückschlüsse darauf ziehen, ob sie aufgrund der Fehlbildung von C6 und C7 gesundheitlich und leistungsmäßig eingeschränkt waren.“

Dark Ronald wurde 1905 in Irland geboren und gilt als eines der bedeutendsten Importpferde der deutschen Pferdezucht. Er ist verantwortlich für berühmte Vaterlinien in der Vollblut- und Warmblutzucht, auch sein Einfluss auf das moderne Sportpferd ist beträchtlich. Interessanterweise sind seine Blutanteile fast so hoch wie die Blutanteile von Der Loewe, obwohl er seinen genetischen Einfluss auf die deutsche Pferdepopulation bereits drei Vorfahrengenerationen früher ausübte.

„Dies weist erneut auf seinen umfangreichen Einsatz in der Zucht hin und auf die Tatsache, dass viele der Ahnenlinien unserer modernen Sportpferde auf Dark Ronald zurückgehen“, so die AutorInnen. „Bei unseren modernen Pferden konnten wir keinen Unterschied zwischen den Blutanteilen von Dark Ronald bei Müttern oder Vätern feststellen. Dark Ronald verursachte einen kleinen Teil der in der Warmblut-Studiengruppe beobachteten Inzucht mit einer relativ hohen Anzahl an Abstammungslinien.

Der 1944 geborene Der Loewe war nach dem Zweiten Weltkrieg ein häufig eingesetzter Vollbluthengst in der Hannoveraner Warmblutzucht. Seine Nachkommen waren hervorragende Leistungspferde. Allerdings waren einzelne Tiere schwierig im Handling.

In einer Referenzpopulation von Hannoveraner Warmblutpferden, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, konnte Der Loewe als bedeutender Vererber identifiziert werden, der als Vollblut mit 2 % Blutanteil den größten Einfluss hatte und der Begründer einer neuen Vererberlinie war. In der Studiengruppe präsentierte sich Der Loewe mit den höchsten durchschnittlichen Blutanteilen unter den drei untersuchten Hengsten. „Seine Blutanteile sind bei Pferden mit C6/C7-Fehlbildung deutlich höher, was aufgrund der geringen Probengröße mit Vorsicht zu interpretieren ist.“

Der Inzuchtanteil bei den einzelnen Pferden, der durch Der Loewe verursacht wird (Mittel 1,78 %), ist deutlich höher als der Anteil von Dark Ronald (Mittel 0,74 %) und Birkhahn (Mittel 0,10 %). Birkhahn galt in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg als Ausnahmetalent im deutschen Rennsport. Schlechtes Management beendete Berichten zufolge seine Karriere, bevor er von 1951 bis 1965 in großen deutschen Gestüten zur Zucht eingesetzt wurde.

In der hannoverschen Referenzpopulation von 1980 bis 2000 wurde festgestellt, dass Englische Vollblüter 35 % der Gene beisteuerten. „Da Birkhahn zu dieser Zeit ein beliebter Vollblutvererber in Deutschland war, können wir davon ausgehen, dass er auch die deutsche Warmblutpopulation beeinflusst hat. Die für Birkhahn berechneten Blutanteile unserer modernen Pferde waren niedriger als die der beiden anderen Hengste. Dies beweist jedoch, dass sich in der deutschen Warmblutpopulation aufgrund der über viele Jahre hinweg häufigen Kreuzungen mit Vollblutpferden Vererber finden lassen, die vor allem für ihren Einfluss auf die Vollblutzucht bekannt sind.“

Birkhahn war in der Studie nur für einen geringen Anteil an Inzucht bei einem modernen Pferd verantwortlich, was seinen Einfluss in den aktuellen Daten als vergleichsweise gering einstuft.

Die AutorInnen stellten fest, dass es sich bei der Vollblutrasse um eine sehr große Population mit einem geschlossenen Zuchtbuch und einer auf wertvollen Stammbäumen basierenden Selektionspraxis handelt, wobei in den letzten fünf Jahrzehnten ein zunehmender Verlust an globaler genetischer Vielfalt zu verzeichnen war. „Die zunehmende Mutationslast, die mit einem hohen Maß an Inzucht einhergeht, ist einer der Hauptfaktoren für Inzuchtdepression“, so ihr Befund.

Inzucht könne zu einer Zunahme schädlicher Variationen innerhalb von Populationen führen, so die ForscherInnen,  in ihrer Untersuchung fanden sie aber „nur ein relativ geringes Ausmaß an Inzucht, das durch Dark Ronald und Der Loewe verursacht wurde – und nur ein Pferd, das von Inzucht durch Birkhahn betroffen ist.“ Man glaube daher nicht, „dass die durch diese historischen Vererber verursachte Inzucht für das Auftreten einer Fehlbildung der zervikothorakalen Verbindung bei dem hier untersuchten modernen Pferd von Bedeutung ist.“

Die ForscherInnen wiesen darauf hin, dass Warmblut- und Vollblutpferde zwar den größten Anteil der untersuchten und betroffenen Pferde ausmachen, die Missbildung jedoch auch bei anderen Rassen auftritt. „Da die Fehlbildung von C7 bereits vor hundert Jahren in historischen Artikeln beschrieben wurde, gehen wir davon aus, dass die Fehlbildung des zervikothorakalen Übergangs nicht ausschließlich eine relevante Erkrankung beim modernen Pferd ist.

Das Resümee der AutorInnen: „In der vorliegenden Studie haben wir die Variabilität der Fehlbildungen der zervikothorakalen Verbindung der Pferde-Wirbelsäule in historischen Skeletten eng verwandter Vollblüter nachgewiesen. Wir haben den Nachweis erbracht, dass Blutanteile dieser historisch einflussreichen Vererber bei modernen Pferden mit und ohne Missbildungen nachweisbar sind. Wir haben gezeigt, dass C6/C7-Fehlbildungen innerhalb einer Pferdefamilie aus historischen Vollblut- und modernen Warmblutpferden unterschiedlich sind. Dies ist die erste Studie, die Hinweise auf die Vererbung des Merkmals liefert.“

Und weiter: „Da wir diese Beweise bereits in unserer kleinen Stichprobe gefunden haben, lohnt es sich, ähnliche Studien an viel größeren Studienpopulationen durchzuführen, um stärkere Beweise für die Vererbung des Merkmals zu finden und die Rolle wichtiger Vorfahren zu identifizieren. Studien mit größeren Kohorten, ein standardisiertes und veröffentlichtes radiologisches und klinisches Untersuchungsprotokoll und möglicherweise genombasierte Analysen sind erforderlich, um den genetischen Hintergrund der Fehlbildungen und ihre Bedeutung für die moderne Pferdepopulation weiter aufzuklären, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Pferdes und deren Verwendbarkeit im Sport.“

Die Studie „Historic Horse Family Displaying Malformations of the Cervicothoracic Junction and Their Connection to Modern German Warmblood Horses" von Elisa Zimmermann, Katharina B. Ros, Christiane Pfarrer und Ottmar Distl ist am 3. Nov. 2023 in der Zeitschrift ,animals' erschienen und kann in englischer Originalfassung hier nachgelesen werden.

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