News 

Rubrik
Zur Übersichtzurück weiter

Kriminelle Aspekte in der Hippologie: Heiße Luft & harsche Korrektur-Methoden
17.11.2023 / News

Nicht immer sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen – diese einfache Weisheit bewahrheitete sich auch beim Fall einer vermeintlichen Pferde-Misshandlung vor etlichen Jahren. Diese Causa führt – nicht ganz zufällig – zu Korrektur-Methoden, bei denen man zu allen Zeiten kräftig über die Stränge geschlagen hat.


Heiße Luft und das Od der Pferde

„Seit geraumer Zeit….“ so begann der alte Herr das Gespräch am Kamin an diesem Abend „befassen wir uns mit Kriminalfällen im Umfeld von Pferden – in Form von Gutachten und Berichten. Es ist wohl an der Zeit, einige Klarstellungen zu treffen: Kriminalistik, Kriminologie und Kriminalität usw. – Begriffe, die äußerst ähnlich klingen, denen dennoch völlig verschiedene Bedeutungen innewohnen:

– Kriminalistik
– Kriminologie
– Kriminalität
– Kriminaltaktik  
– Kriminaltechnik
– Kriminalistische Hypothesenbildung

Die wesentliche Aufgabe der Kriminalistik besteht darin, Straftaten und Verbrechen zu untersuchen, zu bekämpfen und – folgerichtig – zu verhindern. Die Aufklärung durch Untersuchung von kriminalistisch relevanten Sachverhalten hat das Ziel, die Wahrheitsfindung zu unterstützen, indem Beweise gesucht, gesammelt und ausgewertet werden – richterliche Entscheidungen sollen dergestalt auf dem Fundament wissenschaftlicher Grundlagen vorbereitet und unterstützt werden. Die forensische Hippologie, die bemüht ist, Vorfälle, Vergehen und Straftaten im Umfeld von Pferden auch wissenschaftlich zu ergründen, stellt einen kleinen Teilbereich dar. Die von mir in Jahrzehnte langer Arbeit entwickelten Methoden sind wissenschaftlich fundiert und praktisch anwendbar. Und werden in ihrer Klarheit von der Richterschaft geschätzt – was ich jedoch auch anmerken möchte, ist, dass viele Zivilrichter beiderlei Geschlechts, besonders an Bezirksgerichten, in Ausübung ihres Amtes nicht mehr den Talar – das schwarze Amtsgewand der Richterschaft – anlegen, sondern die Verhandlung in Zivilkleidung führen. Ich finde, dass hier ein verkehrtes Signal ausgesendet wird – Richter und Richterinnen sind in Ausübung ihres Richteramtes Vertreter der staatlichen Rechtsordnung und der Justiz – und eben nicht Personen wie Du und ich!

Die Kriminologie ist davon abzugrenzen, sie ist – übersetzt – die Lehre vom „Kriminellen“, beschäftigt sich also vornehmlich mit den Ursachen, Erscheinungsformen und Vorbeugungsmöglichkeiten in einer allgemein gültigen, aber weitgehend fallunabhängigen Form.

Der Begriff Kriminalität (vom Lateinischen „crimen: Beschuldigung, Anklage, Schuld, Verbrechen“) orientiert sich im Wesentlichen an der juristischen Definition der Straftat. Während sich die „Straftat“ oder der materielle Verbrechensbegriff jedoch eher an Einzelverhalten misst, werden mit „Kriminalität“ die Straftaten als Gesamtphänomen – gesellschaftlich gesehen - bezeichnet. Gemeint ist mit dem Terminus nicht nur das, von der Justiz als Straftat eingestufte Verhalten, sondern sämtliche Rechtsverletzungen in Form von strafrechtlichen Tatbeständen.

Die Kriminaltaktik ist ein wesentlicher Teil der Kriminalistik, der auf Basis theoretischer und wissenschaftlicher Grundlagen Erkenntnisse und Methoden umsetzt und zu einer Ergebnisbewertung führt.

Der Begriff Kriminaltechnik umfasst das Auffinden, Erkennen, Sammeln und Auswerten von Spuren und Beweismitteln aller Art. Der Bogen technisch-wissenschaftlicher Arbeitsmethoden ist hier fast unbegrenzt und entwickelt sich ständig weiter. Spurensicherung beginnt beim Erkennen einer Spur als Beweismittel bis zur Asservierung – eine nicht erkannte Spur ist meist für immer verloren.  

Vereinzelte Schweif- und Mähnenhaare, die auf Grund ihrer Farbe und Struktur eine grobe Zuordnung erlauben, können durch DNA-Untersuchung einem Individuum zugeordnet werden.

Eine Kriminalistische Hypothesenbildung muss in sich logisch, praktikabel und widerspruchsfrei sein. Es werden Versionen formuliert, wie ein „Geschehen“  sich hätte ereignen „können“, wenn alle bekannten Informationen, Zeitabläufe und Erfahrungen berücksichtigt werden, ohne dass eine  „vorläufige Version“ jedoch als „letzte Wahrheit“ angesehen wird. Vor allem zwei Verfahren finden Anwendung: Heuristik und Hermeneutik.

Heuristik bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit dennoch zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen zu kommen. Es bezeichnet ein analytisches Vorgehen, bei dem mit begrenztem Wissen mit Hilfe mutmaßender Schlussfolgerungen Aussagen über ein Geschehen getroffen werden. Der Fachbegriff leitet sich vom (angeblichen) Ausruf des Archimedes „heureka!“ (Ich habe es gefunden)ab, als er das hydrostatische Grundgesetz des Auftriebs im Wasser entdeckt hatte.

Die Hermeneutik ist das wissenschaftliche Verfahren zur  Auslegung von Texten (Aussagen, Protokolle) und des Verstehens von Handlungen. Das Verstehen von Sinnzusammenhängen in Lebensäußerungen aller Art aus sich selbst heraus (z. B. in Kunstwerken, Handlungen, geschichtlichen Ereignissen). (Oxford Languages)

--------------------------------------------------------------------

„Ich erinnere mich an einen Fall, der sich vor etwa 10 Jahren zugetragen hat, als es innerhalb weniger Monate eine Häufung von Verletzungen am Sexualtrakt von Stuten gab; es war die Zeit der beginnenden, seuchenhaften Ausbreitung verschiedener sozialer Medien – eine damals noch junge, sehr modern anmutende Möglichkeit der Kommunikation, auch innerhalb des Kreises von Pferdehaltern. In wenigen Stunden hatten sich die „beängstigenden Neuigkeiten“ im Sozialen Netzwerk verbreitet, wurden dort „bearbeitet“ und bis zur Unkenntlichkeit verändert. Mich erinnerte dieser Verlauf damals an die berühmte Verleumdungsarie aus dem „Barbier von Sevilla“ – die Bass-Arie des Dr. Bartolo, die ich mit dem wunderbaren Gottlob Frick dutzende Male gehört (und mitgesungen) hatte:

Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen
Kaum vernehmbar, in dem Entstehen
Still und leise ist sein Wehen
Horch, nun fängt es an zu säuseln
Immer näher, immer näher kommt es her
Sachte, sachte, nah zur Erde
Kriechend, schleichend - dumpfes Rauschen
Wie sie horchen, wie sie horchen
Wie sie lauschen, wie sie lauschen
Und das zischelnde Geflüster
Dehnt sich feindlich, dehnt sich feindlich aus und düster
Und die Klugen und die Tröpfe
Und die tausend hohlen Köpfe
Macht sein Sausen voll und schwer
Und von Zungen geht's zu Zungen
Das Gerede schwellt die Lungen
Das Gemurmel wird Geheule
Wälzt sich hin in Hast und Eile
Und der Lästerzungenspitzen
Zischen drein mit Feuerblitzen
Und es schwärzt sich Nacht und Schrecken
Schaurig immer mehr und mehr
Endlich bricht es los, das Wetter
Unter grässlichem Geschmetter
Durch der Lüfte Regionen
Tobt's wie Brüllen der Kanonen!
Und der Erde Stoss und Zittern
Widerhallt in den Gewittern
In der Blitze Höllenschlund.
Und der Arme muss verzagen
Den Verleumdung hat geschlagen
Schuldlos geht er dann, verachtet
Als ein Ehrenmann zu Grund!

Gerücht, Lüge und Verleumdung sind nahe Verwandte, das Od oder der Odem wurde vom Naturphilosophen Reichenbach als eine (angeblich vom menschlichen) Körper ausgestrahlte, den Lungen entströmende, das Leben lenkende Kraft angesehen, es liegt also auf der Hand, Gerüchte, Verleumdungen, Lügen – oder zeitgenössisch „Fakes“ – als den schlechten Atem und den Mundgeruch als Abweichung von der reinen Atmung anzusehen. Bevor die „aufgeklärte“, heutige Menschheit in den Besitz der einzigen und reinen Wahrheit über Pferde gelangte – also in der „Jetzt-Zeit“, geprägt von Gurus, Experten und Allwissenden – war man der Meinung, dass Gesundheit die Balance von „guten und schlechten Säften“ bedeutet und dass bei Krankheit insbesondere „schlechte“ Säfte wie gelbe und schwarze Galle und Schleim überwiegen würden. In der Sprache hat sich diese Ansicht bis heute in Wörtern wie gallig, vergällen erhalten, aber auch die Bezeichnung „ein schleimiger Typ“ ist nicht zwingend als wertschätzendes Prädikat zu verstehen. Jene „Gallen“ jedoch, als Umfangsvermehrung an den Sehnenscheiden und Gelenken von Pferden entstehen können,  dürften in ihrer Ableitung jedoch lateinischen Ursprungs sein und weisen vermutlich keine Verwandtschaft mit dem  früher – vermeintlich – üblen Saft auf.

In den meisten medizinischen Epochen hat es Allheil-Mittel gegeben, in der Zeit der „schlechten Säfte“ war dies der Aderlass – der bei (fast) allen Erkrankungen bei Pferden und Menschen als wichtigste Behandlungsmethode zur Anwendung kam.

Das Titelbild der Broschüre aus 1571 zeigt die unterschiedlichen Stellen, die für Aderlass empfohlen wurden. Nach der Quelle dieser Abbildung (Haikal: Von der Schönheit und den Leiden der Pferde, WBG Theiss, 2020) konnten in Einzelfällen über hundert solcher Stellen zum „Lassen“ dokumentiert werden.

Bemerkenswert ist ein Nachsatz: „Die Mehrzahl der Veterinärmediziner lehnt den Aderlass als Therapie heute ab. In der Vergangenheit aber war er das Mittel der Wahl und wurde oft in Verbindung mit astrologischen und abergläubischen Überzeugungen praktiziert (z.B. Mondphasen und Sternzeichen).“  


Großer Ernst überzog die Miene des alten Herren. „Es ist schade, dass viele Pferdemediziner glauben, um modern zu wirken, müsse man Althergebrachtes und Überliefertes mit Spott garnieren, belächeln und zurückweisen. Ich habe den isovolämischen Aderlass viele Jahre an mir selber und als Co-Therapeutikum bei Pferden in allen Fällen, bei denen eine Polyglobulie, also eine Bluteindickung (mit Hämatokritwerten deutlich über 40 %,) praktiziert – immer mit Erfolg: in Fällen von chronischen Hauterkrankungen, Herzinsuffizienz, Kreuzschlag oder Hufrehe, bei letzterer kombiniert mit einem Mikro-Aderlass an der Zehenwand der (Vorder-)Hufe. Die Empfehlung der Hildegard von Bingen, einen Aderlass an den ersten Tagen nach Vollmond – also bei abnehmendem Mond – durchzuführen, ist zweifelsohne von Bedeutung, ebenso wie die Schonung der Augen (von Pferden und Menschen) vor grellem Sonnenlicht in den ersten Tagen nach dem „zur Ader Lassen“!
Wer dies belächelt, darf auch Ebbe und Flut nicht anerkennen.

Das immer wieder vorgebrachte Argument, dass für solche, in ihrer Dauer aufwändige Verfahren heute kein zeitlicher Spielraum bestünde, kann ich aus berufsethischen Gründen nicht gelten lassen – auch wenn man beruflich sehr eingespannt ist und von früh bis spät im Geschirr hängt, ist die Wahl der, für den jeweiligen Patienten besten Methode eine medizinische Verpflichtung!

Eine Frage, die ich mir in unseren Tagen häufig vorlege ist die, nach einem geistig – seelischen Aderlass zur Reinigung von galligen und schleimigen Gedanken.“ Der alte Herr stockte kurz in seinem Vorbringen und setzte sodann mit feinem Lächeln fort: „Der intellektuelle Aderlass hingegen, so will mir scheinen, hat den Kreis seiner Anhänger eher vergrößert, besonders in Hohen Häusern - wobei ein stockender Bau von anmaßenden Hochhäusern in manchen Europäischen Städten als Symptom von geistiger Galle und verderblichem Schleim einzuschätzen ist!“

----------------------------------------------------------------------------
Frau M. hatte, als Reitbeteiligung, mit einer Stute einen Ausritt unternommen, war wieder zum Stall zurückgekehrt und hatte das Pferd am Putzplatz angebunden, um es abzusatteln und den Sattel zu versorgen – dann führte sie das Pferd in die Reithalle, um es wälzen zu lassen und darauf in die Box. Nach etwa einer Stunde wurde das Pferd verletzt vorgefunden.

Ich wurde vom BKA von diesem   Vorfall informiert, um Befunderhebung und Beweissicherung ersucht.

Aus sachverständiger Sicht sind die Hautinseln und die Haareinsprengungen in die Wunde auffällig – ein Verdacht auf eine Schürfverletzungen liegt auch wegen der geringen Blutung nahe, wohingegen „Scheren-Schnitte mit sauberen Schnitträndern“ nicht erkennbar sind.

Nach Mitteilung der Klinik-Tierärztin, die sich selbst(!) in der Unfallrekonstruktion sehr sattelfest wähnte, war das Pferd bei der Anlieferung und Erstversorgung ruhig und kooperativ, zeigte auch keine Schreckhaftigkeit, die unmittelbar auf ein (psycho-)traumatisches Ereignis kurze Zeit zuvor schließen ließe; die Wunde, obwohl erst einige Stunden alt, blutete kaum und war nur unbedeutend berührungsempfindlich.

Die behandelnde Klinik- Tierärztin zeigte sich überzeugt, dass ein unbekannter Täter mit einer Schere die Verletzungen zugefügt hatte. Sie stimmte mit dem SV nur insoweit überein, als das Verletzungsmuster vermuten lässt, dass das schädigende Ereignis vor ungefähr 4 – 6 Stunden stattgefunden haben muss. In der Tiefe waren – bei Untersuchung mit dem Spekulum - keine gravierenden Veränderungen zu erkennen gewesen. Den Einwand des SV, dass das Beiseite-Halten des Schweifes, das Spannen der Schamlippen und das Betätigen einer Schere wohl drei bis vier Hände notwendig machen würden, wischte die Klinik-Chefin mit einer müden Handbewegung beiseite, sie hätte „solche Operationen“ hunderte Male durchgeführt und man dürfe fachlich nicht mit Scheuklappen durchs Leben gehen.

Der Sinn von Scheuklappen bei Fahrpferden liegt nicht darin, die Sicht zu nehmen, sondern – korrekt eingestellt – sollen sie verhindern, dass einzelne Pferde eines Gespannes nach hinten auf die Peitsche „schielen“ – wodurch erfahrungsgemäß der Vorwärtsdrang des ohnehin Fleißigen noch motiviert wird. Die Scheuleder werden korrekt mittels der Blendenriemen – ein rund genähtes Lederstück mit Drahtseele – auf einen Winkel von etwa 45 Grad eingestellt, bieten weitgehend freie Sicht nach vorne, ohne auf Wimpern, Lider, Augen oder Knochen  zu drücken.
 ------------------------------------------------------------
Zur Chronologie  (basierend auf den Aussagen des Stallbetreibers und des Stallburschen bei der Befundaufnahme):
6:00  Uhr:       Pferd kommt auf seine Einzelkoppel
10:00  Uhr:    Pferd kommt in seine Box
11:00 Uhr:     Mitreiterin kommt, putzt und sattelt das Pferd und unternimmt einen gut 60 minütigen Ausritt
12:30  Uhr:   Mitreiterin kommt zurück, sattelt ab und führt das Pferd in die Reithalle, um es wälzen zu lassen, anschließend führt sie das Pferd zur Box, um es fressen zu lassen
ca. 13:30 Uhr: Die Verletzung wird bemerkt, eine Tierärztin wird verständigt, das Pferd wird von der Eigentümerin notversorgt
ca. 17:00 Uhr:   Tierärztin trifft ein und überweist das Pferd an eine Klinik, wo es um
18:00 Uhr  ankommt.

Vom Stallbetreiber und seinem Stallburschen wurde bei der Beweissicherung mitgeteilt, dass die Stute auf dem rechten Auge blind wäre und deshalb bei Betreten der Box - auch von ihr, bekannten Personen - immer eine gewisse, nicht völlig gefahrlose Hektik aufkäme. Zum Ausmisten wird das Pferd deshalb immer mit Halfter und Strick auf dem Putzplatz verwahrt. Der Stallbetreiber berichtete ferner, dass den Stallburschen das Ereignis so ergriffen hätte, dass er die ganze Nacht geweint hätte.

Vorläufige Beurteilung:
– Es konnten keine Anhaltspunkte gefunden werden, an denen sich die Stute die Verletzungen selbst zugefügt haben konnte.
– Es wird von niemandem zu keinem Zeitpunkt vom Auffinden von Blutspuren berichtet oder Beobachtung von fremden Personen.
– Das Verletzungsmuster eröffnet in den Augen des SV Zweifel an der „Scherentheorie der Klinik-Tierärztin“.
– Über Befragen durch die Polizei teilte die Fremdreiterin mit, dass das Pferd beim Ausritt auf einem steilen Wegstück mit grobem Kies (wie bei Eisenbahntrassen) bergab kurz ausgerutscht und mit der Hinterhand eingesunken ist.
– Vor dem Ausritt war keine Verletzung vorhanden.
– Der zeitliche Ablauf und das Verletzungsmuster machen einen Anschlag auf das Pferd mit einer Schere wegen der nahezu unmöglichen technischen Durchführbarkeit durch eine einzige Person unwahrscheinlich. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die Verletzung durch Bodenkontakt mit grobem (Eisenbahn-) Schotter entstanden. Eine Zufügung durch einen (zunächst) unbekannten Täter ist in hohem Maße unwahrscheinlich.
– Im Hinblick auf einen abstrakt theoretisch möglichen Anschlag durch einen Menschen sei auf den Stallburschen, der untypischerweise die „ganze Nacht“ geweint haben soll, hingewiesen.

Auf Grund dieser vorläufigen Beurteilung sahen die Ermittlungsbehörden keinen weiteren Handlungsbedarf – es gab auch in den folgenden Jahren im Umkreis kaum mehr einschlägige Ereignisse.“

„Im Frühsommer des Jahres 1963,“ fuhr der alte Herr in seiner Erzählung fort, „bekamen acht junge Herren mit einem trockenen „Gratuliere“ des hoch respektierten „Herrn Direktor Professor Dr. Angsüsser“ (sein Name war – um „st“ erweitert, acht Jahre lang „Programm“ gewesen) das Reifezeugnis ausgehändigt, jene acht Schüler, die zusammen mit 64 anderen die erste Klasse begonnen hatten und dann ohne Schleifenbildung bis zur Matura vorgedrungen waren.

Als in meinem Umfeld bekannt wurde, dass ich Veterinärmedizin studieren wolle, war der häufigste Kommentar, den ich zu hören bekam: „Das ist sehr mutig, denn Tiere können ja nicht sprechen!“  Mit dem Hochmut des eben amtlich „reif Gewordenen“, wurde es zu meiner Gepflogenheit, lächelnd zu erwidern: Ich beabsichtige, ein guter Diagnostiker zu werden! – Heute, nach einem langen und ereignisreichen Leben in diesem Beruf würde ich antworten: „Das ist von Vorteil, denn Tiere können nicht lügen!“.

Die acht Jahre am Realgymnasium Khevenhüller Staße zu Linz hatten mein schon damals kritisches, aber ethisches Weltbild dank des eindrücklichen Unterrichts durch den Deutschlehrer Prof. Dr. Stumptner, von zehn auf elf Gebote erweitert.

Das 11. Gebot lautete: „Du sollst nicht leere Phrasen dreschen!“

 

Auch heute gibt es noch Pferde, die mit Passion gegen Wände schlagen und davon zweierlei Vergnüglichkeiten ableiten
– Erstens das donnernde Geräusch
– und zweitens, den prompt und fast echohaften Ruf des Namens dieses Übeltäters durch das Personal.

Der Lerneffekt: die Missetat bringt Aufmerksamkeit.

Die Schlagkugel mit einem Gewicht von einem bis eineinhalb Kilogramm, mit einem Riemen oberhalb des Sprunggelenks fixiert, gewöhnte nur in seltenen Fällen solchen Pferden diese Untugend ab, sorgt aber in allen Fällen für Entzündungen der Beinhaut und in der Folge für Überbeine.

Das Scharren mit den Vorderbeinen kann bei manchen Pferden Ausmaße annehmen, die Hufeisen, Stallboden und die Einstreu beschädigen. Da diese Untugend vornehmlich bei Haltung am Stand zu beobachten war, ist sie in unserer Zeit fast „ausgestorben“ – das Anlegen von Fesseln – das nach Unfällen oder Zwischenfällen von Rechtsvertretern immer wieder gefordert wird, ist verboten. Solche Methoden würden bedeuten, „ein Pferd von hinten aufzuzäumen“ oder „den Tierschutzgedanken gegen den Strich zu bürsten!“

----------------------------------------------------------------------------
„Seit geraumer Zeit bemerke ich beunruhigende Phänomene in allen Bereichen, die sich grob unter Journalismus zusammenfassen lassen“ fuhr der der alte Herr mit seinem Vortrag am Kaminfeuer fort: „eines davon ist, dass das Ei klüger sein will als das Huhn. Besonders unangenehm stieß es mir beim Fernsehbericht des CSIO Aachen auf – der Kommentator konnte es einerseits nicht ertragen, einen „Ritt“ ohne sein Gefasel auf den Betrachter wirken zu lassen, andrerseits wusste er (der immerhin zwei oder drei Jahre im Sattel gesessen hatte) scheinbar jeweils genauer als Reiterinnen und Reiter selber, wo ihnen Fehler unterlaufen waren inklusive Ratschläge zu deren Vermeidung – ich meine damit, den zwanghaften Trieb von Interviewern, hemdsärmelig und mit den Händen fuchtelnd, ihr persönliches und in der Vorbereitung schnell angelesenes (Halb-)Wissen zu verbreiten, anstatt die Gesprächspartner reden zu lassen – denn es ist deren Meinung, deren Wissen und Erfahrung, die  Zuschauer vorrangig interessiert – auch ich möchte in einem Interview keinen „Austausch von Meinungen“ (wie man modern sagt), sondern  über Ansicht und Wissen der Hauptperson – nämlich des oder der Befragten - erfahren.

Als eine weitere, ungute Zeiterscheinung empfinde ich, dass selbst in Fachzeitschriften schnöde Plattitüden, leere Phrasen (11. Gebot!!) fett gedruckt in die Textbalken gesetzt werden und scheinbare Kompetenz vortäuschen – drei  Beispiele:

•    Nur wenn wir uns die Frage stellen, welche Themen uns als Gesellschaft bewegen, wird es uns gelingen, Antworten zu finden.
•    Nur wenn man miteinander spricht, kann man Lösungen finden.
•    Nur wenn wir denken, der Mensch ist Teil des großen Ganzen, dann kommen wir dazu, nicht nur über unsere eigene, sondern auch über die planetare Gesundheit nachzudenken.

Die bei unzähligen und sinnlosen Konferenzen, Meetings und Versammlungen produzierte „heiße Luft“ wird die Erderwärmung zusammen mit den Transport-Fahrzeugen zu diesen Treff-Punkten exponentiell beschleunigen!

Zwei Begriffe tauchen in den Reden dieser hauptberuflich, um das Wohl der Welt Besorgten immer wieder auf – als Worthülsen: die Gretchenfrage und die Nagelprobe.

Die „Gretchenfrage": Sag Heinrich, wie hältst Du es mit der Religion?“ (Faust I) zielt auf ein (Glaubens-)Bekenntnis ab.

Die „Nagelprobe“ wurde bei der Kavallerie und Artillerie bei der Morgenmusterung eingesetzt – der inspizierende Offizier fuhr mit einem Hufnagel sanft gegen den Haarstrich des frisch gestriegelten Pferdes – dabei durfte keine Schmutzlinie entstehen.

----------------------------------------------------------------------------

Gar manches wurde erfunden, um „Pferde im Zaum zu halten“ – wie zum Beispiel der „Schlagriemen“ – zum Kurieren von Schlägern. Das Pferd kann sich zwar (weitgehend) ungehindert bewegen, aber sobald es mit den Hinterbeinen ausschlagen will, versetzt es sich selbst einen mehr oder weniger schmerzhaften Ruck auf die Nase. Der Erfinder dieser Erziehungsmethode, Graf Alexander von Keller, weist selbst darauf hin, „dass ein sehr kräftiges Ausschlagen bei kurzen Leinen einen Bruch des Nasenbeins zu Folge haben könnte!“

„Der „Spanische Reiter“ ist ein Instrument, das in England allgemein bei der Dressur junger Pferde benutzt wird. Derselbe hat jedoch in letzter Zeit, hauptsächlich wohl deshalb, weil er dem Pferdemaul das feine Gefühl raubt, viele Widersacher gefunden!“ (Wrangel)

„Der „Ganaschenarbeiter“, eine Erfindung des kaiserlich-russischen Majors v. Lange, besteht aus einer Verbindung von Spiralfedern, die in die Zäumung des Pferdes eingeschaltet werden und deren Wirkung das weiche Annehmen und Nachgeben der Zügel, also die Faustbewegung, zum Ausdruck bringt!“ (Wrangel)

Die moderne Reitlehre definiert die Anlehnung als gleichmäßig, aber nicht gleichbleibend.

 

 

Auch heute noch wird bei der Wahl von Korrektur-Methoden kräftig über die Stränge geschlagen!

Fotos, Grafiken und Literatur: Archiv & ex libris Dris.Kaun     

Kommentare

Bevor Sie selbst Beiträge posten können, müssen Sie sich anmelden...
Zur Übersichtzurück weiter

 
 
ProPferd.at - Österreichs unabhängiges Pferde-Portal − Privatsphäre-Einstellungen