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Was Pferden auf den Magen schlägt: ein Kommentar
03.09.2023 / News

Zuviele Sportpferde sind – auch am Gesichtsausdruck ablesbar – überfordert, d.h. für die verlangte Leistung zu jung, schlecht trainiert und/oder schlecht ausgebildet; sie werden deshalb krank, zunächst psychisch und dann physisch, z.B. mit Magengeschwüren, so Dr. Kaun.
Zuviele Sportpferde sind – auch am Gesichtsausdruck ablesbar – überfordert, d.h. für die verlangte Leistung zu jung, schlecht trainiert und/oder schlecht ausgebildet; sie werden deshalb krank, zunächst psychisch und dann physisch, z.B. mit Magengeschwüren, so Dr. Kaun. / Fotos: Archiv Dr. Reinhard Kaun

Übermäßige Belastungen und Stress schlagen sich auch bei Pferden – ebenso wie bei uns Menschen – allzu oft auf den Magen. In seinem Kommentar warnt Dr. Reinhard Kaun eindringlich vor der zunehmenden Überforderung von Pferden und den negativen Folgen für das Pferdewohl.

 

Die Redewendung, dass sich etwas „auf den Magen schlägt“ ist wohl jedem erwachsenen Menschen nur zu gut bekannt – das können Spreis` und Trank sein, aber auch Ärger, Ungemach, Sorgen und Angst, also all jene unguten Gemütszustände, die der moderne Mensch unter „Stress“ zusammenfasst.

Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit und Beendigung meines Studiums der Veterinärmedizin vor über 50 Jahren wurde es in vermeintlich arrivierten Gesellschaftsschichten modern, an „Managerkrankheit“ zu laborieren, dominantes Symptom neben Herz-Kreislaufbeschwerden war die Gastritis und das Magengeschwür – es war en vogue darüber zu klagen, wenn man als erfolgreich gelten wollte.

Mit großem Interesse habe ich das Zwiegespräch meines geschätzten Kollegen Mag. Wolfgang Himsl von der Pferdeklinik Tillysburg mit der kompetenten Journalistin Britta Bruckmüller Schweinhage gelesen – es drängt mich dabei zu einigen Anmerkungen.

Auf die Frage nach den „Auslösern“ von Magengeschwüren gibt der Interviewpartner an:

Reizung der Magenschleimhaut durch niedrigen/sauren pH-Wert infolge von:
– langen Futterpausen
– limitierter Zugang zu Wasser
– rohfaserarmer Fütterung
– stärkehaltige Fütterung
– Stressoren wie
      Rangordnungsprobleme
      Bewegungseinschränkung
      Überbeanspruchung im Training.
– Schmerzmittel (- Abusus)
– Risikofaktoren
     Lange Transporte.
 
Angesichts dieses Kataloges an möglichen Auslösern ergäbe sich ein breites Feld an möglichen nutzbringenden „Studien“, die aber – um seriösen Charakter zu haben – mit zumindest einigen tausend Pferden und über mehrere Jahre geführt werden müssten, zu folgenden Fragen etwa, ob ein erkennbarer Unterschied in der Erkrankungshäufigkeit an Magengeschwüren bzw. Gastritis besteht…..

… wenn Pferde zweimal, dreimal oder viermal täglich Kraftfutter in Portionen bekommen?
… wenn Pferde Rauhfutter zur beliebigen Aufnahme und Kraftfutter nur zu Mahlzeiten bekommen?
… wenn Pferde bei Boxenhaltung Kraftfutter über Futterautomaten zugeteilt bekommen?
… wenn Pferde bei Offenstallhaltung Kraftfutter über Futterautomaten (per Transponder) zugeteilt bekommen?
… wenn Pferden Tränkebecken zu Verfügung gestellt werden, die jederzeit artgerechtes „Saufen“ in ausreichender Tagesmenge bis zu 30 Litern ermöglicht?
 … wenn Pferde ab Spätherbst bis zum zeitigen Frühjahr Kraftfutter warm verabreicht bekommen?
 … wenn Pferde ab Spätherbst bis zum zeitigen Frühjahr Tränkewasser warm verabreicht bekommen?
... ob ein Unterschied besteht, wenn Pferde traditionell (Hafer, Mais, Weizenkleie, ev. Gerste) oder nur mit pelletiertem Futter versorgt werden?
... ob bei Betrieben, in denen vermehrt Magen-Darmprobleme auftreten, gültige und wissenschaftlich fundierte Futterpläne bestehen, die die Faktoren verdauliches Eiweiß, verdauliche Energie, Verhältnis von verd. Eiweiß zu verd. Energie und den Rohfaserbedarf errechnet haben?
... ob anamnestisch Rangordnungsprobleme oder Bewegungseinschränkungen zu erheben waren?
... wie es bei Pferden mit Magen-Darmerkrankungen um die Gesundheit der Zähne, der Zunge, der Mundschleimhaut und der Speicheldrüsen steht?

Die Wunschliste ließe sich noch fortsetzen.

Bei den Belastungen von Pferden durch Transport und Leistungssport verweist der geschätzte Kollege auf lange Transporte und eine mögliche Überbeanspruchung im Training. Dazu kann ich aus meiner langen Erfahrung mit eigenen und Mannschaftspferden ergänzen, dass es nicht so sehr die Länge des Transportes ist, sondern vielmehr dessen Qualität, die die Stressbehaftung bestimmt – vor allem aber die Erfahrung, die Pferde bisher auf Transporten durchlebt haben und was alles in den Magen fährt!

Ich werde nie vergessen, wie erbärmlich es den Pferden ging, als wir am Wege zur ersten WM der Zweispänner in Sandringham bei Windstärke 9 den Ärmelkanal von Hook of Holland in Richtung Kings Lynn in GB übersetzten und mich der Kapitän der Fähre in den Transportraum zu den Pferden beorderte, wo ich in meiner Eigenschaft als Mannschafts-Tierarzt beruhigend und infundierend die Seefahrt absolvierte – allesamt zu Lande transporterfahrene Pferde.

Die Belastung im Leistungssport darf ebenfalls nicht unterschätzt werden und geht über eine Trainings-Überbeanspruchung deutlich hinaus – das wäre, als würde man Schauspielern (jedweden Geschlechts) zwar eine gewisse Belastung durch die Probenarbeit zubilligen, jedoch den Bühnenauftritt vor Publikum, also auf dem Feld der Ehre, dem Parcours, keinen Belastungswert beimessen – eine fatale Fehleinschätzung.

Vielleicht hat der eine oder andere Leser die Übertragungen aus Münster vom letzten Wochenende gesehen:
– eine nahezu unerträgliche Lärmkulisse
– extremer Zeitdruck wegen vieler Starter
– plötzlicher Gewitterregen mit Bodenverhältnissen, der eine Reihe von Startern zur Aufgabe zwang
– anschließendes Aufklaren mit schwierigen Lichtverhältnissen UND
– für das sehende Auge erkennbar, großteils erschöpfte Pferde …. und dies eine Woche vor einem europäischem Championat, für das eine ganze Reihe genannt ist.

Mit Sorge beobachte ich die zunehmende Zahl an Springpferden, die über dem Sprung ausschlagen – dies ist kein Übermut, das ist ein Signal – „referred pain“, also ein Projektionssymptom aus dem Magen-Darmtrakt über die Zonen nach Head & Mackenzie – das zu einer Störung im Gürtelgefäß des Meridiansystems führt – auch bei Dressurpferden, wie bei allen anderen Leistungspferden kann man diese Feststellung treffen, sofern das Auge dafür offen ist: das Bild des „auseinandergefallenen“ Pferdes zeigt sich – es geht „vorne“ ein anderes Pferd als „hinten“ – die Harmonie der Bewegung gerät aus den Fugen – Schweifschlagen und Schlauchgeräusch ist dann schon die nächste Steigerungsstufe, die jedoch, von Turnierrichtern geduldet, lange überritten wird.

In Summe schlägt sich dieses Ungemach auf den Magen, in weiterer Folge „läuft dann etwas über die Leber“!

„Leistungs-Intoleranz“ – [Intoleranz: Unduldsamkeit, Unverträglichkeit, mangelnde Widerstandskraft gegen äußere Einwirkung – DUDEN: Fremdwörterbuch] gibt es meiner Erfahrung nach bei gesunden Pferden höchst selten, aber es gibt schlecht trainierte, schlecht ausgebildete und viel zu viele Pferde, die für die geforderte Leistung viel zu jung sind und deshalb krank werden – zunächst psychisch und dann physisch z.B. mit Magengeschwüren.
Pferde werden zunehmend zu Werkzeugen menschlicher Gier – nach Ruhm, nach Geld, nach Erfolg oder Reputation – bedient von Veranstaltern, Pferdesportlern, Züchtern, Verbänden und Funktionären ...

Der physischen wie psychischen Gesundheit des Pferdes oberste Bedeutung einzuräumen, und zwar unabhängig von seiner Nutzung, ist ein anerkannter ethischer Grundsatz gegenüber den Pferden.

Univ.Lektor VR Mag. Dr. Reinhard Kaun
http://www.pferd.co.at | http://www.pferdesicherheit.at

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