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Schweifhaare verraten: Przewalskis fressen ganzes Jahr Gras
03.12.2016 / News

Die ausgewilderten Przewalski-Pferde in der Wüste Gobi fressen genauso wie die mit ihnen verwandten Hauspferde das ganze Jahr über Gras.
Die ausgewilderten Przewalski-Pferde in der Wüste Gobi fressen genauso wie die mit ihnen verwandten Hauspferde das ganze Jahr über Gras. / Foto: Martina Burnik Šturm/Vetmeduni Vienna

Forscher der Vetmeduni Vienna entschlüsselten mittels Schweifhaar-Analyse die Ernährungsgewohnheiten von drei Equiden-Arten in der Wüste Gobi: Während Wildesel im Winter auf Laub als Nahrung umsteigen, fressen Wild- und Hauspferde das ganze Jahr ausschließlich Gras.

 
In freier Wildbahn waren Przewalski-Wildpferde seit 1968 ausgestorben. Dank erfolgreicher Zuchtprogramme internationaler Zoos werden die Tiere allerdings seit 1992 im Südwesten der Mongolei im Schutzgebiet „Great Gobi B“ wieder ausgewildert. Den kargen Lebensraum in der Wüste Gobi teilen sich die Wildpferde mit zwei weiteren Pferdearten, dem asiatischen Wildesel, von den Einheimischen „Khulan“ genannt, und den freilaufenden Hauspferden der ansässigen Nomaden. Für den Erhalt der Wildpferde ist es deshalb wichtig zu verstehen, ob und wie die drei nahe verwandten Tiere im Schutzgebiet um Nahrung konkurrieren.

Im Winter stehen Przewalski-Wildpferde im Wettbewerb mit Hauspferden
Martina Burnik Šturm und Petra Kaczensky vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna machten sich in Zusammenarbeit mit dem Leibnitz Institut für Zoo und Wildtierkunde in Berlin eine Methode zur Erforschung der Nahrungsgewohnheiten zu Nutze, die auf einer chemischen Analyse von Schweifhaaren beruht. Damit entschlüsselten sie die Zusammensetzung der Nahrung der jeweiligen drei Pferdearten – und entdeckten eine erhöhte Konkurrenzsituation in den Wintermonaten.

Die chemische Analyse der Haarproben zeigte, dass Przewalski-Wildpferde und Hauspferde das ganze Jahr über vorwiegend Gras fressen. Die Khulane steigen dagegen von Gras im Sommer, auf einen hohen Laubanteil im Winter um. „Wenn die Nahrung in den langen Wintermonaten knapp wird, kann man davon ausgehen, dass sich vor allem die beiden Pferdearten Konkurrenz machen“ so Martina Burnik Šturm.

Konkurrenzsituation im Sommer deutlich entspannt
Im Sommer ist das Nahrungsangebot vergleichsweise hoch, zudem verlassen die lokalen Nomaden die Gobi und ziehen mit ihren Hauspferden auf die Hochweiden der umliegenden Bergen. „Die Przewalski-Wildpferde grasen in der heißen Zeit bevorzugt in der Nähe von Wasserstellen. Die Khulane suchen dagegen auch Weiden fern von Wasserstellen auf, weil sie einen effizienteren Wasserhaushalt haben.

Somit ist im Sommer das Potenzial für Weidekonkurrenz zwischen den drei Arten im Schutzgebiet ,Great Gobi B' vergleichsweise gering“ so Petra Kaczensky – doch in Zeiten von Futterknappheit, etwa infolge einer Dürre, könnte sich das rasch ändern: „Im Moment geht es sich für die Przewalski-Pferde aus - es gibt genug Futter für Haus- und Wildpferde, aber die Viehzahlen steigen, und die Przewalski Pferde Population wächst auch." Pferde fressen, wie Petra Kaczensky erklärt, Laub bzw. Sträucher (mit hohem Holzanteil) eigentlich nur, wenn sie nicht genug Gras zur Verfügung haben. In der Gobi können sie es sich gleichsam noch leisten, ausschließlich das gute, aber nur spärlich vorhandene Gras zu fressen – und Laub bzw. Sträucher zu verschmähen, so wie auch die Hauspferde.

Anders sieht es bei den Khulanen aus: Die Wildesel scheinen entweder flexibler oder genügsamer in der Nahrungswahl und/oder sie meiden die Nähe zu den lokalen Nomaden und ihrem Vieh (incl. Hauspferden), die sich im Winter die besten, gras-dominierten Weiden zu Nutze machen. Im Gegensatz zu den Przewalski-Pferden sind die Wildesel nicht besonders beliebt und werden zum Teil verjagt und auch illegale gejagt - damit sind sie gezwungen im Winter auf alternative Weiden auszuweichen.

Chemische Zusammensetzung der Haare gibt Aufschluss über die Ernährung
Bei der von Burnik Šturm und Kaczensky verwendeten chemischen Analyse werden sogenannte Stabile Isotope in den Schweifhaaren gemessen. „Stabile Isotope sind unterschiedlich schwere Atome eines chemischen Elements mit gleicher Protonen- aber unterschiedlicher Neutronenzahl. Die lsotopenverhältnisse im Körpergewebe von Lebewesen sind eine Folge der lsotopenverhältnisse in der Umgebung und des eigenen Stoffwechsels.“, erklärt Burnik Šturm. Gräser und Sträucher der Wüste Gobi unterscheiden sich im Verhältnis ihrer Kohlenstoffisotopen und lassen somit eine Unterscheidung zwischen Gras- und Laubfresser zu.

In gleichmäßig wachsenden Haaren, wie den Schweifhaaren von Pferden, werden die Isotopenverhältnisse zum Zeitpunkt des Wachstums zudem wie in einem Archiv festgehalten. Je länger das Haar, umso weiter zurück in die Vergangenheit kann man schauen. „Weiß man dazu noch wie schnell die Haare wachsen, kann man Haarsegmente datieren und eindeutig bestimmten Jahreszeiten zuordnen. In aufeinanderfolgenden Segmenten eines Haares lassen sich somit wertvolle Informationen über die Ernährung und den Wasserhaushalt eines Individuums im Verlauf der Zeit abrufen“, erklärt Burnik Šturm.

Schutzgebiet in Wüste Gobi soll Przewalski Wildpferden Überleben sichern
Internationale Forschungsteams unter der Leitung der Vetmeduni Vienna und in enger Kooperation mit dem Schutzgebiet „Great Gobi B“ engagieren sich seit Jahren für das Auswilderungsprogramm in der Wüste Gobi. Das langfristige Ziel ist der Aufbau einer sich selbst erhaltenden und lebensfähigen Population von Przewalski Wildpferden, aber auch der Schutz anderer Schlüsselarten wie des Khulans.

Die genaue Kenntnis der Ernährungsgewohnheiten von Przewalski, Wildpferd und Khulan sind ein wichtiger Ansatzpunkt, um die Bedingungen im Schutzgebiet zu verbessern. Das hohe Potential für Weidekonkurrenz zwischen Haus- und Wildpferden zeigt die Notwendigkeit einer strengeren Regulation und Beschränkung der Weiderechte für Hauspferde. Allerdings sollte auch die Bereitstellung von künstlichen Wasserstellen sehr gut überdacht werden, da man sonst Gefahr läuft, den Khulanen ihre Rückzugsgebiete zu nehmen.

Der Artikel "„Sequential stable isotope analysis reveals differences in dietary history of three sympatric equid species in the Mongolian Gobi" von Martina Burnik Šturm, Oyunsaikhan Ganbaatar, Christian C. Voigt, und Petra Kaczensky wurde am 17. November 2016 im Journal of Applied Ecology veröffentlicht und kann in englischer Originalfassung hier nachgelesen werden.

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