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Klopfen, Kraulen, Leckerli: So lobt man sein Pferd richtig
13.08.2020 / Wissen

Lob, Zuneigung und Anerkennung sollten immer so kommuniziert werden, dass das Pferd es auch versteht ...
Lob, Zuneigung und Anerkennung sollten immer so kommuniziert werden, dass das Pferd es auch versteht ... / Foto: Archiv/Pixabay

Loben und Belohnen ist auch für Pferde wichtig und motivierend – vorausgesetzt, sie verstehen, was damit gemeint ist, und das kann manchmal durchaus knifflig sein. Welches Lob versteht ein Pferd am besten? Wir haben recherchiert ...


In einem aufschlussreichen Beitrag haben die australischen Wissenschaftler und Verhaltensforscher Paul McGreevy und Cathrynne Henshall einige Dinge zusammengestellt, mit denen Menschen ihre Pferde verwirren und erschrecken können – obwohl meist genau das Gegenteil angestrebt wird: Wir wollen unseren Pferden Gutes tun, sie pflegen, verwöhnen und belohnen – doch bewirken wir mit unseren menschlichen Verhaltensweisen oft das Gegenteil: Wir machen ihnen Angst und sorgen für Verunsicherung – oft mit fatalen Folgen für den Menschen, denn: „Dieser ,Kultur-Kampf' (culture clash) zwischen Pferden und Menschen kann Abwehr- oder Fluchtreaktionen auslösen, die uns schwer verletzen können."

So ist es kein Zufall, dass etwa Pferdetierärzte besonders gefährlich leben – und deutlich öfter verletzt werden als die Fachtierärzte anderer Spezies. Denn zwangsläufig sind einige der Behandlungen, die Veterinäre bei Pferden durchführen, mit gewissen Schmerzen verbunden, etwa das Verabreichen von Injektionen oder das Vernähen einer Wunde. Und die natürliche Reaktion eines Pferdes auf Schmerz ist Flucht – und wenn sie nicht flüchten können, können sie Aggressionen wie Beißen oder Ausschlagen zeigen. Pferdetierärzte werden daher deutlich öfter das Opfer von Arbeitsunfällen als etwa Bauarbeiter oder Feuerwehrleute, so die AutorInnen.

Wie sag ich's meinem Pferd?
Ein Verständigungs-Problem zwischen Mensch und Pferd orten die Wissenschaftler aber auch an anderer Stelle – nämlich beim Abklopfen, das viele Pferdefreunde routinemäßig als Anerkennung oder Belohnung für eine gute Leistung einsetzen. Das Problem dabei: Pferde haben in ihrer evolutionären Entwicklung nicht gelernt, dies als Lob oder als Belohnung zu empfinden. Pferde klopfen sich nicht gegenseitig ab - stattdessen kratzen sie sich gegenseitig oder beknabbern sich sanft, oft in Form gegenseitiger Fellpflege, die stets auch ein Bindungs- und Beziehungsverhalten darstellt, mit dem Pferde positiv Kontakt zueinander aufnehmen.

Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat in der Tat gezeigt, dass das Klopfen/Abklopfen am Hals bei Pferden nicht unbedingt als angenehm empfunden wird und sogar unerwünschte Reaktionen hervorrufen kann. Im Rahmen der Untersuchung wurden 18 Pferde – nach Absolvierung eines kurzen Springparcours – jeweils eine Minute lang drei unterschiedlichen ,Behandlungen' ausgesetzt: Sie wurden am Hals abgeklopft, am Widerrist gekrault – oder blieben (als Kontrolle) ohne jegliche Behandlung bzw. Zuwendung. Dabei wurde die Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität und das Verhalten der Pferde aufgezeichnet und analysiert. Wie sich zeigte, führte das Kraulen des Widerristes zu einer signifikant längeren Dauer entspannter Verhaltensweisen und einer Absenkung der Herzfrequenz – während das Klopfen/Abklopfen am Hals die Herzfrequenz der Pferde erhöhte. Das Kraulen am Widerrist könnte daher ein nützliches Mittel sein, um einem Pferd zu helfen, sich unter dem Sattel zu entspannen, so das Resümee der Wissenschaftler (hier nachzulesen).

Nichts geht über Futterlob
Doch es gibt eine weitere Belohnungs-Methode, die bei Pferden offenbar noch besser ankommt, wie zwei britische Forscherinnen in einer weiteren Studie nachweisen konnten: In ihrer Untersuchung teilten Sian Ellis und Linda Greening insgesamt 15 Pferde (6 Stuten, 9 Wallache) in drei gemischte Gruppen ein: Gruppe 1 erhielt eine Karotte als Belohnung bzw. ,Verstärker', Gruppe 2 wurde fünf Sekunden lang am Widerrist gekrault – und Gruppe 3 blieb als Kontrollgruppe ohne Lob bzw. ohne weitere Behandlung.

An den ersten beiden Tagen (der Konditionierungsphase) wurden die Pferde mit Hilfe der primären Verstärker (Karotte, Kraulen, keine Behandlung) an einen Sekundärverstärker (Clicker) gewöhnt. Am dritten, vierten und fünften Tag – der Experimentierphase – wurden die Pferde angeleitet, auf die akustische Anweisung „touch“ („Berühre“) und ein Hinzeigen des Trainers einen orangefarbenen Verkehrskegel zu berühren. Ein Versuch galt als erfolgreich ausgeführt, wenn die Berührung innerhalb von 10 Sekunden nach dem akustischen Befehl erfolgte. Bei 80 Prozent positiver Versuche galt das Lernziel als erreicht.

Dieser Wert wurde von allen drei Testgruppen verfehlt, wenngleich die Futterlob-Gruppe das Ziel mit 75,6 Prozent nur ganz knapp nicht erreichte. Deutlich schlechter schnitt die Kraul-Gruppe mit 39,6 Prozent – die Kontrollgruppe kam sogar nur auf 26,4 Prozent. Am fünften Tag erreichten immerhin drei Pferde (alle aus Gruppe A) das angestrebte Lernziel – zwei erreichten 96,67% und eines sogar 100%. Futterlob ist also offenkundig ein unschlagbarer ,Motivator' für Pferde – und deutlich effizienter als das Kraulen des Widerrists, um bestimmte Lernerfolge zu erreichen, so das Resümee der Wissenschaftlerinnen: „Dies hat Auswirkungen auf das Pferdetraining sowohl an der Hand als auch unter dem Sattel, da das Kraulen ein Verhalten möglicherweise nicht so stark verstärkt, dass es oft genug wiederholt werden kann. Das Kraulen des Widerrists dürfte nur für einige Pferde ein ausreichender Verstärker sein."

In der Praxis empfehlen Experten dennoch, Futterlob und Leckerli nicht inflationär, sondern stets gezielt und punktgenau einzusetzen, um allfällige unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Keinesfalls sollte ein Pferd durch ständige Leckerlis zuviel Energie aufnehmen, den Menschen bedrängen oder die nötige Distanz verlieren.

Loben mit der Stimme
Es ist also gar nicht so einfach, sein Pferd nicht nur richtig, sondern auch zielorientiert und vor allem mit dem passenden Timing zu loben. Das Lob muss auf eine Art und Weise erfolgen, dass es das Pferd auch tatsächlich als angenehm und als Belohnung empfindet – nur so kann es als positiver Verstärker wirken. Will man durch Berührung loben, ist ein sanftes Streicheln und Kraulen zweifellos besser als ein energisches Abklopfen, mit dem man möglicherweise genau das Gegenteil erreicht. Viele Pferdeleute schwören insbesondere auch auf das Lob mit der Stimme, das man als Unterstützung oder Verstärker einsetzen kann.

Wie effizient das funktioniert, ist noch weitgehend unerforscht – unbestritten ist aber, dass Pferde lernen können, auf stimmliches Lob zu reagieren und es als belohnend zu empfinden. Auch das vielfach gehörte Vorurteil, dass Pferde nicht über akustische Laute kommunizieren, darf mittlerweile als überholt bezeichnet werden: So konnten Schweizer Forscher zeigen, dass Pferde stets zweistimmig – also mit zwei unterschiedlichen Grundfrequenzen – wiehern und so neben positiven und negativen Emotionen zugleich auch deren Intensität bzw. Stärke mitteilen.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2018 konnte sogar nachgewiesen, dass Pferde sehr gut zwischen unterschiedlichen menschlichen ,Stimmlagen’ unterscheiden können, und das allein aufgrund der akustischen Wahrnehmung, ohne jeglichen anderen Anhaltspunkt (z. B. Gestik, Mimik, Körperhaltung etc.): Sie nehmen zornige stimmliche Äußerungen als negativ und bedrohlich wahr, während sie fröhliche eindeutig positiv interpretieren – wobei sie interessanterweise nicht zwischen männlichen und weiblichen Stimmen unterscheiden. Speziell dieser Punkt überraschte die Wissenschaftler durchaus, wie sie zugaben: „Wir hatten eigentlich erwartet, dass Pferde negativer auf männliche Stimmen reagieren würden, speziell auf negative Männerstimmen, weil sie – im Vergleich zu weiblichen Stimmen – relativ niedrige Grund- bzw. Formant-Frequenzen haben“, so Co-Autorin Amy Victoria Smith. Doch diese Vermutung habe sich nicht bestätigt.

Jedenfalls kann kein Zweifel daran bestehen, dass die menschliche Stimme ein wertvolles und noch immer unterschätztes Kommunikationsmittel in der Arbeit mit Pferden darstellt – das sich auch zur Belohnung und als positiver Verstärker hervorragend eignet.

Jede gute Leistung verdient Lob!
Wahre Pferdemenschen wissen: Lob sollte in keinem Pferdetraining fehlen – jede gute Leistung, die das Pferd zeigt, verdient auch ein aufrichtiges, von Herzen kommendes Lob! Man darf niemals vergessen, wieviel Konzentration und Anstrengung es für ein Pferd bedeutet, den Reiter zu tragen und auszubalancieren und dabei auch noch schön anzugaloppieren oder ein korrektes Schulterherein auszuführen. Selbst ein so banaler und alltäglicher Vorgang wie das Hufeauskratzen stellt für ein Pferd eine gar nicht so kleine Herausforderung dar, weil in diesem Moment seine natürliche Fluchtfähigkeit eingeschränkt ist, was für viele Pferde mit Stress und Unbehagen verbunden ist. Es ist in Wahrheit ein großer Vertrauensbeweis des Pferdes, dies zuzulassen – und der sollte am Ende, ebenso wie jede gelungene Dressurlektion, mit einem großen Lob belohnt werden. Dann klappt auch das nächste Mal umso besser – denn das Problem ist eher, dass wir unsere Pferde zu wenig als zuviel loben, und das sollte wirklich andersherum sein ...

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